Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

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Vorwort

Auch diesem zweiten Band meiner Trilogie über das eheliche Glück soll
ein Wort der Erklärung vorangehen.
Seine persönliche Färbung bitte ich zu entschuldigen. Sie läßt sich nicht
vermeiden, soll die Absicht dieses Buches verstanden werden.
Diese Absicht ist nicht, die Zahl der mehr oder weniger philosophisch
gefärbten Studien über die „allgemeine Psychologie der Ehe“ zu vergrößern;
— denn ich bin ebensowenig Fach-Psychologe wie -Philosoph. Und außer-
dem fehlt mir die Überzeugung, daß jenen Menschen, für die ich hier
schreibe, durch Abhandlungen solcher Art genützt werden kann.
Es ist ebenfalls nicht meine Absicht, durch einen Beitrag zur speziellen
Psychologie Leute, die in der Ehe (manchmal auch durch die Ehe) nerven-
krank geworden sind, bei der Behandlung ihres Leidens zu beraten,
denn ich war nie Facharzt für Nerven- und Seelenkrankheiten, und ebenso-
wenig gehöre ich einer bestimmten Schule auf diesem Gebiete an. Dabei
steht es für mich fest, daß ein Kranker nicht versuchen soll, durch das
Lesen eines Buches Hilfe zu finden, weil nur die Behandlung helfen kann,
die ihm als einzelnem gilt und seinem Einzelfall entspricht.
Was ich dann wohl mit dem Schreiben dieses Buches bezwecke?: Den
vielen Menschen, deren Glück durch das Gespenst der ehelichen Abneigung
bedroht wird, zu helfen bei der Bekämpfung dieser Gefahr. Denn ich bin
Arzt in meinem Fühlen und Arzt in meinem Denken, und wer als Arzt fühlt
und als Arzt denkt, der muß eben immer zu helfen versuchen, wo er die
Möglichkeit dazu erblickt. Kann er das nicht durch die Tat oder mit Hilfe
des gesprochenen Wortes, so bedient er sich des geschriebenen.
Daß es hier tatsächlich möglich ist, durch geschriebene Worte zu
helfen, — davon bin ich überzeugt. Nur wenige Eheleute sind sich bewußt,
daß in ihrer nächsten Nähe ein böser, gefährlicher Feind haust; die meisten
wissen vor seinem Siege gar nicht, daß es ihn überhaupt gibt. Dennoch
bedroht er, praktisch gesprochen, jede Ehe während eines gewissen Zeit-
raums; in manchen Fällen auch wiederholt er in Abständen seine Angriffe;
und nur allzuoft gelingt es ihm, das eheliche Glück zu zerstören. — Nie
aber kann ein Feind, wer er auch sein mag, mit Aussicht auf Erfolg be-
kämpft werden, wenn man keinen Begriff von seiner Art und von seiner Kraft
hat, ja wenn man seine Anwesenheit nicht vermutet und sogar seine Existenz
nicht kennt!

VII
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