Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

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Erster Abschnitt
Die Entstehung der ehelichen Abneigung
Kapitel I
Eine dramatische Skizze zur Einleitung
Solang ich mich erinnern kann, hat mein Freund Henry von B. alljährlich
den Mai bei mir verlebt. Früher allein, auch während seiner ersten Ehe —
die sich bald als ein Fehlgriff herausstcllte —; dann immer mit seiner
zweiten Frau.
Wir, meine Frau und ich, freuten uns, daß sie mitkam. Sie besaß nicht
nur deshalb unsere Sympathie, weil sie unseren Freund in reichem Maße
für das ehemals Entbehrte schadlos hielt, sondern sie war uns auch von
Herzen willkommen, weil ihr ehrlicher, offener Charakter und ihr heiterer
Sinn das Beisammensein mit ihr wahrhaft erfreulich machten, und das Glück,
das von ihr ausstrahlte, unserem Verkehr eine gewisse sonnige Wärme verlieh.
So hatten wir es also aufrichtig beklagt, daß eine notwendige Badekur sie
das vorige Mal verhindert hatte, mitzukommen, und wir waren wirklich ent-
täuscht, als Henry auch dieses Mal allein kam, weil es sich herausgestellt
hatte, daß jene Kur gerade zu dieser Zeit wiederholt werden mußte. Unsere
Enttäuschung wurde noch größer, als wir bemerken mußten, daß auch er
allem Anschein nach nicht gerade in bester Verfassung war. Er war nervös,
reizbar, zerstreut, still und zurückgezogen. So hatte meine Frau ihn noch nie
gesehen. Und auch ich hatte seit Jahren keine solche Zeit mit ihm durch-
gemacht.
Was mich am meisten bekümmerte, war, daß er nichts vorzulesen hatte.
War es doch zur ständigen Gewohnheit geworden, daß er alles, was er ge-
schrieben hatte, mitbrachte. Erst nachdem er es mir — und später uns —
vorgelesen hatte, formte und feilte er es endgültig zurecht. Ich habe mir
niemals eingebildet, daß das durch eine außergewöhnliche Einschätzung
meiner literarischen Eigenschaften bedingt war, sondern ich habe zur Er-
klärung die bekannte Tatsache herangezogen, daß mancher Gedanke erst
dann zur völligen Entwicklung kommt, wenn er im Wechselgespräch Ein-
würfen standhalten muß und bis in seine letzten Tiefen verfolgt wird.
Wie immer dem sei, diese Gewohnheit hatte sich bei uns eingebürgert;
sie bestand. Und wenn Henry mir nichts vorzulesen hatte, dann hatte er
Van de Velde Abneigung- in der Ehe. 1

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