Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

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Kapitel II
Primäre und sekundäre geschlechtliche Abneigung
Der klinische Lehrer, der eine bestimmte Krankheit und ihre Behand-
lung zum Gegenstand einer Vorlesung macht, leitet diese vorzugsweise mit
der Demonstrierung eines Falles ein. Er erreicht dadurch, daß die Zuhörer
direkt an den Kern der Sache herangebracht werden.
Keinen anderen Zweck hatte das Kapitel, das ich diesem Buch voran-
geschickt habe.
Wir haben — im klinischen Ton geredet — hier also einen Fall von „ehe-
licher Abneigung“ vor uns, ein Krankheitsbild, das in seiner schweren Form
gar nicht selten, in leichter und leichterer sogar außerordentlich häufig vor-
kommt.
Ja, man begegnet den weniger ausgesprochenen Erscheinungen dieser Art
so oft, daß man sich schließlich fragt, ob sie denn wirklich krankhaft sind
oder aber als fast normal betrachtet werden müssen.
Wenn wir uns ein Urteil darüber bilden wollen, haben wir uns klarzu-
machen, wer als Patient zu gelten hat, der Gatte (bzw. die Gattin) oder
die Ehe.
Beschränken wir uns zuerst auf die Gatten.
Wir müssen dabei selbstverständlich, was den vorliegenden Fall anbe-
trifft, von der Katharsis des Monodramas, von der dichterischen Reaktion
der Künstlerseele also, absehen; denn es liegt klar zutage, daß nur bei dem
Bestehen einer wesentlichen psychischen Störung Vorgänge, wie sie hier
in Form eines Wachtraums die Entladung herbeiführten, tatsächlich statt-
gefunden hätten.
Die eigentlichen Erscheinungen des Falles v. B. selbst bezeugen eine
nervöse Reizbarkeit, die wohl manchmal das Pathologische streift, aber
im allgemeinen doch nicht als wirklich krankhaft bezeichnet werden darf.
Krankhaft würde der Zustand aber zweifellos werden, wenn die ungünstigen
Umstände, die bei der ständigen gegenseitigen Reizung und Quälung der
Gatten entstehen, allzulange andauern sollten. Ist das jedoch der Fall und
bessern sich die Beziehungen nicht oder unterbleibt eine Entfernung aus dem
schädlichen Milieu — anders ausgedrückt, eine genügend lange Trennung der
Eheleute — so muß es zu funktionellen psychischen Störungen kommen, es
sei denn, daß unterdessen eine Eingewöhnung, eine Anpassung oder eine
Abstumpfung (jenen Reizen gegenüber) eingetreten ist.
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