Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 11
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Gs-307/0024
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
Daß die krankhaft reizbar gewordene Gemütsverfassung des einen oder
der beiden Gatten mit den gegenseitigen Reizungen in besonders schädlicher
Weise zusammenwirkt, ist klar. Dadurch wird der Unheilskreis (wir
Ärzte nennen ihn den circulus vitiosus) geschlossen und es kommt zu Vor-
fällen, wie sie in den kleinen Nachrichten der Zeitungen und in der großen
Literatur im Überfluß zu finden sind. Dasselbe ergibt sich natürlicherweise
noch eher, wenn bei einem oder beiden Gatten die eheliche Abneigung auf
dem Boden einer pathologischen Psyche wuchert. Dann können Beziehungen
entstehen, die jenen ähneln, die Strindberg in einigen seiner Dramen
beschreibt — Beziehungen, in denen die Ehe buchstäblich zur Hölle wird.
* * *
Im gewöhnlichen Lauf der Dinge sind es aber nicht so sehr die Gatten,
welche Krankheitserscheinungen aufweisen, als die Ehe.
Die Ehe ist eine Einheit, ein selbständiger Organismus, ebensogut — nein
noch mehr — wie eine Firma, ein Unternehmen mit zwei Teilhabern, ein
aus vielen Mitgliedern bestehender Verein, oder der Staat.
Nun, gerade diese Einheit (der Eheorganismus also) wird durch die
Krankheit gefährdet, von der uns Henry v. B's. Skizze ein ernstes Beispiel
gezeigt hat.
Diese Gefahren sind groß. Führt auch die Krankheit nur ausnahmsweise
zu einer Katastrophe, die den Zuschauer so tief ergreift wie der erwähnte
dramatische Fall, so sind doch weniger eindrucksvolle, aber darum nicht
minder verheerende Folgen keineswegs selten. Und es gibt sogar viele Fälle,
in denen der Organismus an der Ermattung und Erschöpfung, die gerade
diese Krankheit verursacht, zugrunde geht.
Wir haben es also mit einem ernsten und gefährlichen Leiden zu tun;
noch dazu mit einem Leiden, dessen leichte Anfangserscheinungen — die
aber zu den späteren schwereren Erscheinungen in nicht geringem i\lalle
beitragen können — so häufig sind, daß wir uns ja eben schon fragten, ob
wir sie nicht als normal, nicht als zur Entwicklung des Organismus gehörig
zu betrachten haben.
Wir werden sehen, daß das tatsächlich — meiner Meinung nach aller-
dings nur bis zu einem gewissen Grade der Fall ist.
* * *
Wie ich im ersten Teil dieser Trilogie („Die vollkommene Ehe“) aus-
einandergesetzt habe, ist die Ehe durch Evolution aus dem Geschlechtstrieb
entstanden; sie beruht auf eben diesem Trieb. Nach dem „Gesetz der Um-
kehrbarkeit der Gefühle aber, das 'W. St ekel als „Gesetz der Bipolarität ,
in Anklang an Bleulers „Lehre der Ambivalenz“, in seiner „Sprache
11
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list