Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 44
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auch dabei) werden wir untersuchen, welche spezifisch weiblichen Charakter-
züge das Ei, als Keimzelle einer neuen Generation, bei der Frau auslöst, aus
der eben das Ei, ja aus der immer und immer wieder ein Ei hervorgeht.
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Was wirkt nun auch auf den naturwissenschaftlich nicht vorgebildeten
Leser in einer Beschreibung wie der von Heringa und Lohr am stärksten?
— Das ist die gewaltige Erschütterung, die das Eindringen des Sperma-
tozoons in der zuvor so ruhigen Substanz der Eizelle auslöst, — eine Er-
schütterung, die schon Bachofen mit folgenden Worten wiedergegeben
hat: „Stille und Ruhe herrscht in dem Ei, aber wenn, durch Werdelust
getrieben, der männliche Gott die Schale durchbricht und sein Werk beginnt,
so wird alles Bewegung, alles ruhelose Eile, alles Triebkraft, alles ein nie
endender Kreislauf.“
Diese starke Reaktion der weiblichen Zellsubstanz finden wir überall und
immer wieder zurück. Im Seelenleben der Frau äußert sie sich als große
Empfänglichkeit für alle Gemütsbewegungen, und die Emotionalität
stellt sich somit als eine Grundeigenschaft der weiblichen Psyche heraus.
G. Hey man s (Groningen) hat das in seiner „Psychologie der Frauen“
(Verlag Karl Winter, Heidelberg) so überzeugend dargclegt, daß tatsäch-
lich so gut wie alle späteren Autoren, die sich mit psychologischen Fragen
auf diesem Gebiet beschäftigen, die Emotionalität der Frau zu einem der
Hauptpunkte ihrer Ausführungen machen.
Die Wahrnehmung wie die Vorstellung, das Denken wie das Wollen und
Handeln der Frau zeigt eigenartige Züge, die durchwegs mit denen der
Emotionalen im allgemeinen übereinstimmen und nur über die Emotionalität
zu begreifen sind; man kann deshalb auch ruhig sagen, daß der größere
Teil der weiblichen Psyche unerklärt bleibt, wenn man diesen Faktor aus-
schaltet. (Hey man s.)
Mit Bezug auf diese überwiegende Emotionalität ist nun weiter zu be-
merken, daß sie nicht allein in der Stärke der Reaktionen auf mehr oder
weniger belangreiche Eindrücke zum Ausdruck kommt, sondern sich auch
in der Mannigfaltigkeit der Rückwirkungen, die durch ganz unbedeutende
Ursachen hervorgerufen werden, zeigt, und daß sie folglich beinahe ohne
Unterbrechung sich durch das ganze Leben der Frau hinzieht. Beim Durch-
schnittsmann sind Gemütsbewegungen nichts anderes als vorübergehende Ab-
weichungen von einem normalen, nur wenig vom Indifferenzpunkt entfernten
Gemütszustand; bei der Durchschnittsfrau bilden sie die natürliche Sphäre,
in der sie sich heimisch fühlt und die sie nur selten und nicht ohne inneres
Widerstreben verläßt.

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