Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 54
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Gs-307/0067
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile

Kapitel V
Der Gegensatz von Männlich und Weiblich
ZWEITER TEIL
W eibliche Eigenschaften (Fortsetzung)
Verletzlichkeit und Labilität
„Stille und Ruhe herrscht in dem Ei, aber wenn, durch Werdelust ge-
trieben, der männliche Gott die Schale durchbricht . .
„Die Schale durchbricht” — die Wand der Eizelle durchbricht — also
das weibliche Elementarwesen verletzt-
Wiederum ist das, was mit dem Ei geschieht, das Sinnbild einer Eigen-
schaft, die das Weib während des ganzen Lebens, oder wenigstens während
der Zeit der Geschlechtsreife, kennzeichnet.
Wenn wir als diese Eigenschaft die Verletzlichkeit nennen, dann
müssen wir uns scharf vor Augen halten, daß wir dieses Wort nur deshalb
gebrauchen, weil wir weder in der deutschen noch in einer anderen Sprache
ein besseres finden können, um jenen Begriff zu bezeichnen, und weil wir
ihn nicht immer wieder lang und breit umschreiben wollen.
Verletzlich (vulnerable) bedeutet etwas, das verletzt, geschädigt werden
kann. Um aber dieses Wort für unsere Zwecke brauchen zu können, müssen
wir unter Verletzlichkeit nicht nur verstehen, daß das Individuum, auf
das der Ausdruck angewendet wird, die Eigenschaft hat, verletzt werden
zu können, sondern daß es auch dem Empfangen von Verletzungen, von
Schädigungen, ausgesetzt ist.
In diesem Sinn können wir also sagen, daß das Leben den Mann zufalls-
weise-verletzlich macht, d. h. es setzt den Mann, der als menschliches Wesen
nur ein bestimmtes Maß von Widerstand gegen Verletzungen und Krank-
heitsursachen aufbringen kann, diesen schädlichen Einflüssen auch aus. Diese
„zufallsweise Verletzlichkeit“ des Mannes zeigt sich denn auch deutlich in der
Verwundungs-, Erkrankungs- und Todesfallsstatistik, besonders im Vergleich
mit der „zufallsweisen Verletzlichkeit“ der Frau, die offensichtlich schon des-
halb wesentlich geringer ist, weil die Frau solchen Schädigungen um so
viel weniger ausgesetzt ist.
Dieser relativ unbeträchtlichen „zufallsweisenVerletzlichkeit“ der Frau steht
nun eine — beim Mann völlig fehlende — bedeutende physiologische,
im Wesen des Weibes begründete Verletzlichkeit gegenüber
(die wir um der Kürze willen in der Regel einfach „Verletzlichkeit“ nennen
54
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list