Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 55
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werden) in dem Sinn, daß die Frau, in Verbindung mit den wesentlichen,
spezifisch weiblichen Lebensvorgängen, Verwundungen ausgesetzt ist, die,
mögen sie auch zu den vollkommen natürlichen, normalen, physiologischen
Ereignissen gehören, doch zum großen Teil als wirkliche Körperschädi-
gungen betrachtet werden müssen.
* * *
Eine Verwundung, die, ebenso wie die des Eies beim Eindringen des
männlichen Elements, von außen nach innen erfolgt und sich ebenso aus der
Verbindung mit dem Männlichen ergibt, findet bei der Defloration statt.
In umgekehrter Richtung, also von innen nach außen, verlaufen einige
andere Verletzungen, deren schwerste, das Geburtstrauma, wiederum die
Folge der Verbindung mit dem Mann ist. Ohne diese Verbindung und bis zu
einem gewissen Grad infolge ihres Fehlens — d. h. wegen des Unterbleibens
einer Befruchtung — entstehen die regelmäßig wiederkehrenden, von innen
nach außen gehenden Verwundungen, die wir bei der Ovulation und Men-
struation finden.
Wilhel m Liepmann hat in zwei bedeutenden Arbeiten (Psychologie
der Frau, Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1922, und Gynäkologische
Psychotherapie, ebendort, 1924) sich auch mit diesen Problemen beschäftigt
und sehr richtig den Vorgang, der sich jedesmal vollzieht, wenn das Ei sich
vom Eierstock trennt, als ein typisches Beispiel für die weibliche „Vulnera-
bilität (so nennt er das, was wir als Verletzlichkeit kennen) bezeichnet.
Tatsächlich bersten bei der Ovulation die durch das allmähliche Wachstum
des Graafsehen Follikels verdünnten äußersten Gewebsschichten, wobei Blut
nach der Follikelhöhle austritt und manchmal auch eine kleine Blutung nach
außen (hier also: in die Bauchhöhle), in Einzelfällen selbst eine stärkere
Blutung dieser Art stattfindet, während der ganze Vorgang mit Narbenbil-
dung an der Ausstoßungsstelle des Eies endigt. Die beiden Ovarien einer
geschlechtsreifen Frau weisen demgemäß an ihrer ganzen Oberfläche solche
Narben auf.
. Eber die durch die Menstruation hervorgerufene Verwundung brauche
ich hier nicht viel zu sagen. Wir wissen aus Band I, daß die Schleimhaut der
ebärmutter sich alle vier Wochen für die Aufnahme eines befruchteten
tles v°rbereitet, und daß, wenn das Ei nicht befruchtet und infolgedessen
a gestorben ist, die Schleimhaut zum größten Teil abgestoßen wird, so daß
uur die untersten Schichten übrig bleiben. Bei dieser Abstoßung kommt es zu
einem Blutaustritt nach außen und in die Schleimhaut selbst: die ganze
nnenwand der Gebärmutter wird faktisch zu einer Wundfläche. Geht auch
lese Wunde nicht tief, so steht sie doch tatsächlich mit der Außenwelt in
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