Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

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Kapitel VII
Der Gegensatz von Männlich und Weiblich
DRITTER TEIL
Sexualphysiologische Unterschiede und ihre psycho-
logische Bedeutung
Bevor wir jetzt alles, was wir bisher über männliche und weibliche Eigen-
schaften mitgeteilt haben, zusammenfassen und Mann und Weib in ihren
wesentlichen Qualitäten einander gegenüberstellen, wollen wir uns zuerst
an einige sexualphysiologische Unterschiede, die wir im ersten Band kennen-
gelernt haben, erinnern. Denn das sind sehr wichtige Faktoren im ehelichen
Leben, und es ist für die Harmonie der Gatten von größter Bedeutung, daß
sie Einsicht in diese Unterschiede haben und die nötigen praktischen Folge-
rungen daraus ziehen. Gelingt es ihnen nicht, diese Einsicht zu erhalten, oder
unterlassen sie es, sich danach einzurichten und ihre geschlechtlichen Be-
ziehungen den bestehenden Unterschieden anzupassen, dann bilden oft gerade
diese den Ausgangspunkt für das Entstehen der ehelichen Abneigung. Und
zwar um so eher und um so mehr, weil diese Unterschiede im Gegensatz zu
jenen, die zwischen den rein-psychischen männlichen und weiblichen Eigen-
schaften bestehen, nicht relativ, sondern im wesentlichen absolut sind.
* * *
Die Tatsache, daß die volle geschlechtliche Potenz (übrigens auch die
seelische Reife) beim Mann entschieden später eintritt als bei der Frau, ist
in unserer Gesellschaft für die Ehe kaum von großer Bedeutung; denn die
Zahl der jungen Männer, die vor jenem Zeitpunkt — etwa vor ihrem 24. Jahr
— heiraten, ist verhältnismäßig klein. Trotzdem muß dieses relativ späte
Eintreten der vollen Geschlechtsreife schon jene zur Vorsicht mahnen,
welche die Lösung des „Sexualproblems des jungen Mannes“ in einer frühen
Heirat suchen zu müssen glauben.
Auch daraus, daß die Dauer der Geschlechtsreife bei beiden Geschlech-
tern wesentlich verschieden ist, brauchen sich keine Schwierigkeiten zu er-
geben. Wenn auch die Fortpflanzungsfähigkeit bei der Frau viel früher
aufhört als beim Mann, so veranlaßt das doch keine Beschwerden, weil in
einer Ehe, in der sich die Frau schon der Menopause nähert, gewöhnlich
kein Verlangen nach Schwangerschaft mehr kennbar wird. Und da die Eig-
nung zum Geschlechtsverkehr ebenso wie die Bereitschaft dazu bei einer
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