Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 89
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auferlegt. Die biologischen Tatsachen sind nun einmal so, daß die Folgen
des naturgemäßen Coitus für die Frau viel größer sind als für den Mann.
Demzufolge ist ihre Verantwortlichkeit sich selbst gegenüber in dieser Be-
ziehung auch viel größer, und sie muß sich in dieser Hinsicht Gesetze
stellen, die viel strenger sind als die Pflichten, die der Mann sich sexuellen
Angelegenheiten gegenüber aufzuerlegen hat.
Hier kommt noch ein sehr bedeutsames psychologisches Element hinzu,
das als solches auch von den Frauen anerkannt wird, die wie Else Voigt-
länder der Meinung sind, daß „das Dogma von der monogamen Natur des
Weibes und der polygamen des Mannes im wesentlichen nur als ein theo-
retischer Niederschlag moralischer Forderungen und Freiheiten, bzw. der
Besitzansprüche des herrschenden Geschlechtes erkannt werden müsse”. Mag
bei einer Frau auch die Neigung bestehen, den Partner beim Geschlechts-
verkehr zu wechseln, so wird diese Neigung doch häufig unterdrückt, weil das
weibliche Gefühl natürlicherweise unter dem Einfluß der primitiven Symbolik
von Inbesitznahme und Sichgeben steht. „Denn Hingabe bedeutet eine nähere
Beziehung zum Wert der Persönlichkeit, so daß die Vorstellung eines Ge-
schenkes entsteht, das die tiefer empfindende Frau nur einmal und ganz
machen will, während die Wiederholung desselben eine Ent-
wertung bedeutet. (Sperrdruck von mir.) Liegen hier die psycho-
logischen Ansatzpunkte zur niedrigeren Einschätzung der freier lebenden
Frau bis zur Dirne, so sind Wiederholungen für den Personwert des Mannes
ohne Einfluß oder enthalten sogar durch das Erlebnis der Machterhöhung
eine Wertsteigerung*).“
Daß all das in noch wesentlich höherem Maße gilt, wenn die Bindung
der Ehe als Grundlage für das sexuelle Verhalten gegeben ist, braucht nicht
auseinandergesetzt zu werden. Und ebensowenig ist es nötig, darzutun, daß
ein Coitus der verheirateten Frau, die den Gatten, die Kinder, die Familie,
den Gefahren des Eindringens eines fremden Elementes aussetzt, eine ganz
andere Bedeutung hat als die sexuelle Untreue des Mannes; womit ich
aber nicht sagen will, daß diese sich verteidigen läßt.
Wir werden über die eheliche Treue noch einiges zu sagen haben, wenn
wir z. B. im nächsten Abschnitt die Verhütung der ehelichen Abneigung
besprechen. Augenblicklich können wir uns mit dem hier Ausgeführten be-
gnügen. Denn es zeigt aufs deutlichste, wie in bezug auf die Gcschlechts-
gememschaft absolute Unterschiede zwischen Mann und Frau bestehen, die
zu geschlechtlicher bzw. ehelicher Abneigung führen können und müssen,
wenn es den Gatten nicht gelingt, in ihren Beziehungen jenen Unterschieden
in der Weise Rechnung zu tragen, daß die Kluft überbrückt wird._
Marcuses Handwörterbuch usw., Seite 246.

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