Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 90
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Kapitel VIII
Vom spezifischen Widerwillen zur ehelichen Abneigung
Überdenken wir noch einmal den Inhalt der früheren Kapitel, dann müssen
wir zu dem Resultat kommen, daß in der Beziehung der Geschlechter neben
und gegenüber der Macht, die Männlich und Weiblich zueinander hinzieht,
Kräfte wirksam sind, welche diese Pole voneinander abstoßen. Diese an-
ziehenden und abstoßenden Kräfte, die sich nebeneinander und einander
gegenüber zu erkennen geben, sind oft so innig gemengt und schwanken
manchmal so unregelmäßig hin und her, daß das ihrer Wirkung unterworfene
Individuum mitunter nicht weiß, welche von ihnen in einem bestimmten
Augenblick dominiert.
Das gilt speziell für die primär-sexuellen Kräfte und die aus ihnen ent-
stehenden erotischen Gefühle, die wir in der „Vollkommenen Ehe“ als an-
ziehende, positive, auf bauende kennengelernt haben, und die wir in Kapitel II
und III als abstoßende, negative, vernichtende so nahe betrachtet haben, wie
der Rahmen des vorliegenden Bandes es uns erlaubte und wie es für unser
Ziel nötig war, nämlich ohne auf wirklich krankhafte psychische oder körper-
liche Störungen einzugehen. Es ist selbstverständlich, daß solche Abweichun-
gen spezifisch-sexueller oder allgemeiner Art für die Beziehungen zwischen
Mann und Frau noch viel wichtiger sein können (oder gewöhnlich sogar sein
müssen) als die besprochenen mehr oder weniger normalen Faktoren. Beson-
ders beim Vorliegen psychischer Störungen kann eine zwischen zwei anein-
ander gebundenen Menschen entstehende oder bestehende Abneigung sich zu
einem Haß entwickeln, der in seiner Intensität und in seinen Äußerungen
mit dem Furchtbarsten, was wir an menschlichen Gefühlen und Handlungen
kennen, wetteifert.
* *
Neben den kurzweg geschlechtlichen — d. h. direkt mit den sexuellen
Funktionen und Gefühlen zusammenhängenden — Eigenschaften von Mann
und Weib, die wir nicht nur an sich, sondern sofort auch in ihrer gegenseitigen
Wechselwirkung betrachtet haben, fesselten jene unser Interesse, die man
indirekt-sexuell nennen kann, weil sie zwar durch das Geschlecht beherrscht
werden, sich aber nicht direkt auf die geschlechtliche Tätigkeit im engeren
Sinn beziehen (Kapitel III—VI).
Wir haben uns dabei an die großen Linien gehalten, längs deren sich
Männlich und Weiblich in der Eigenart ihres Wesens bewegen, weil es
sinnlos und gekünstelt, ja selbst völlig unmöglich wäre, bei allen psychischen
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