Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 125
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Zweiter Abschnitt
Verhütung und Bekämpfung
Alles verstehen heißt alles verhüten
Kapitel IX
Einführung in die Prophylaxe — Apologie der Ehe —
Verantwortlichkeit von Mann und Frau
„Alles, verstehen heißt alles verzeihen,“ sagt das bekannte, von weiser
Nächstenliebe zeugende Sprichwort.
Es wundert mich, daß es kein Gegenstück hat, in dem besagt wird: „Alles
verstehen heißt alles verhüten.“ Denn das ist nicht weniger wahr; und es
ist — die gleiche wohlwollende Gemütsverfassung vorausgesetzt — min-
destens ebenso, ja noch mehr erstrebenswert, um begreifend zu verhüten als
wissend zu verzeihen, wobei dieses an die schwierige Kunst des Sich-selbst-
Besiegens noch weit höhere Ansprüche stellt als jenes. Daß das Verhüten
auch in anderer Hinsicht bei weitem dem Heilen vorgezogen werden muß,
ist eine Wahrheit, die jederzeit und überall erkannt wurde.
So wollen wir also auch die Bekämpfung der ehelichen Abneigung, die
das eigentliche Thema dieses Buches bildet, hauptsächlich in ihrer Verhütung
suchen.
Verhüten aber hat Begreifen zur Vorbedingung, und teilweise ergibt es
sich daraus schon von selbst.
Aus diesem Grund haben wir auch dem ersten Teil, der dieses Begreifen
zum Zweck hatte, so viel Platz gewidmet.
Darum wollen wir auch den folgenden Auseinandersetzungen noch eine
zusammenfassende Übersicht jener Darlegungen vorausschicken, mit denen
wir uns bisher beschäftigt haben.
* * *
Die eheliche Abneigung wird durch drei Gruppen von Faktoren bestimmt,
die spezifisch-sexuellen, die wesentlich-ehelichen und die
hinzukommenden nicht-spezifischen.
Zur ersten Gruppe gehören vor allem die primäre sexuelle Abneigung
und die sekundäre, durch Verkehrung aus der sexuellen Anziehung ent-
standene geschlechtliche Abstoßung, die man, weil sie unmittelbar mit den
geschlechtlichen Gefühlen und Funktionen (beide im engeren Sinn genommen)
in Verbindung stehen, als direkt-sexuellen Widerwillen zusammen-
fassen kann. Dieser macht sich früher oder später, mehr oder weniger, in
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