Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 140
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Kapitel X
Über die Gattenwahl
ERSTER TEIL
Liebe und V er stand

Wie schwierig es ist, eine Ehe glücklich zu machen und besonders, sie
glücklich zu erhalten, haben wir im Vorhergehenden gesehen. Richtiger ge-
sagt, wir haben gesehen, welche die Ursachen sind, daß das eheliche Glück
so wenig widerstandsfähig ist und so oft der ehelichen Abneigung weichen
muß.
Wir wissen also auch, daß diese Ursachen zu einem bedeutenden Teil
wesenseigentümlich sind, so daß sie wohl bekämpft (und mit Erfolg be-
kämpft!), aber nicht vermieden werden können; daß sie sich aber zu einem
anderen, gleichfalls sehr wichtigen Teil, nämlich insofern sie ein akzidentelles
Gepräge tragen, tatsächlich vermeiden lassen.
Es liegt auf der Hand, die Bekämpfung der ehelichen Abneigung mit
der Vermeidung jener Schwierigkeiten, denen man aus dem Weg gehen kann,
zu beginnen. Nicht nur in Theorie, hier also in unseren Betrachtungen,
sondern vor allem in der Praxis.
Das haben im allgemeinen jene Menschen, die im Leben Erfahrungen ge-
macht und diese Erfahrungen überdacht haben, mit anderen Worten, alle
Älteren, alle Eltern, überall und jederzeit getan, indem sie für die Un-
erfahrenen, für ihre Kinder, auf Grund verstandesmäßiger Überlegung die
Wahl des Gatten getroffen und diese Wahl nicht der jüngeren Generation
selbst überlassen haben. Denn sie wußten, daß eine Ehe um so mehr Aus-
sicht auf Gelingen hat, je besser die Gatten in äußeren Umständen und
inneren Anlagen zueinander passen.
Leider ist die Beurteilung der Anlagen weit schwieriger als die der Um-
stände, was zusammen mit der bei weitem nicht immer theoretischen Gefahr,
daß bei den durch die Eltern zusammengebrachten Ehen eigenes Interesse
überwiegend war, häufig dazu geführt hat, daß der erste Faktor, die Ver-
anlagung, nicht derart beachtet wurde, wie er seiner Bedeutung nach verdiente.
Die Reaktion ist nicht ausgeblieben; die jungen Menschen der letzten
Generationen haben sich mehr und mehr der bei der Eheschließung aus-
geübten Vormundschaft entzogen, so daß jetzt in sehr breiten Schichten
der europäischen und amerikanischen Gesellschaft die Eltern eine Mitteilung
von den Eheplänen ihrer Kinder praktisch nur zur Kenntnis zu nehmen
haben.

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