Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 141
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Betrachten wir die Dinge von einem breiteren Standpunkt aus, dann handelt
es sich offensichtlich doch nicht so sehr um eine Reaktion gegen den Miß-
brauch, den die Eltern von ihrer Macht in bezug auf die Ehe ihrer Kinder
gemacht haben. Denn, wenn das auch in manchen Fällen vorkam; wenn in
anderen Fällen die Jüngeren auch unter der nicht mißbrauchten, gutgemeinten
und so häufig auch sehr nützlichen Strenge und Härte der Eltern in dieser
Hinsicht litten; wenn sie auch noch weit öfter unter der scheinbaren Härte
und der in ihren Augen verkehrten Einsicht der Eltern, die sie daran hinder-
ten, ihre wahre oder vermeintliche Liebe durch eine Ehe zu krönen, zu
leiden glaubten; — die Mühe, die sich die Eltern mit der Ehewahl ge-
geben haben, hat viel mehr Gutes als Böses zur Folge gehabt. Und gar nicht
wenige Männer und Frauen unserer Zeit haben im Verlauf ihres Ehelebens
sich selbst mit einem tiefen Seufzer bekennen müssen, daß der seinerzeit über
den Widerstand der Eltern gegen ihre Ehe errungene Sieg zu ihrem Un-
glück geführt hat.
Nein, der Widerstand der letzten Generationen gegen die Einmengung der
Eltern bei der Ehewahl ist keine vereinzelte Erscheinung. Er ist — ebenso
wie das Widerstreben gegen die Bevormundung bei der Berufswahl — nur
ein Teil eines Komplexes von Erscheinungen, die sich in eben jenem Zeit-
raum entwickelt haben. Ob diese Erscheinungen sich nun auf die oben gei-
nannte Weise zeigen oder aber sich in dem Widerstreben der Frauen gegen
die Leitung, gegen die Vormundschaft, die Herrschaft der Männer äußern;
ob sie aus der Auflehnung des Demos gegen die Uberherrschung durch die
Aristoi oder aus dem Widerstand des Ostens gegen die Einmengung des
Westens bestehen; — sie beruhen alle auf demselben dringenden Verlangen
nach Emanzipation, nach Mündigsprechung; auf dem Widerstreben gegen
Zwang; sie sind Zeichen von ein und derselben Unbotmäßigkeit gegen Autori-
tät. Kurzum, sie gehören zu der Welle des Dranges nach „Freiheit , die
alle Schichten der Menschheit mitgerissen hat — teilweise zu ihrem Nutzen,
aber nicht weniger zu ihrem Schaden. Daß diese Welle in mancher Beziehung
noch nicht ihren Scheitelpunkt erreicht hat, ist ebenso sicher, wie daß sie
anderwärts schon am Umschlagen ist. Und daß ihre Höhe wieder von einem
Wellental gefolgt werden wird, kann wohl nicht bezweifelt werden. Wir
können das nicht nur aus unserem Wissen ableiten, daß jedes Geschehen im
Rhythmus von Spannung und Spannungslösung verläuft, und aus unserer
Wahrnehmung, daß die Wendung bereits beginnt. Es zwingt sich uns auch
auf, weil bloß ein wenig Einsicht in das Wesen des Menschen nötig ist, um
zu verstehen, daß hier etwas verlangt wird, was weitaus die meisten nicht
begehren, das zu begehren sie sich nur einbilden, aber das sie in Wahrheit
scheuen: die Unabhängigkeit. Denn dieser übergroße Teil der Men-
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