Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 180
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Kapitel XIII
Über die Gattenwahl
VIERTER TEIL
Der Charakter
Wir haben im Vorhergehenden schon öfters auf die Bedeutung der Charak-
tere der Eheleute hingewiesen. Wer männliche und weibliche Eigenschaften
beschreibt, wer von Lebensauffassung spricht, der beschäftigt sich schon mit
dem Charakter.
Nichtsdestoweniger wollen wir diesen Gegenstand noch gesondert dar-
stellen, weil es in hohem Maße erwünscht ist, daß, wer versucht, eine wohl-
durchdachte Gattenwahl zu treffen, den Charakter des künftigen Gefährten
gründlich in Betracht zieht.
Den Charakter des (der) Anderen, — den eigenen Charakter aber nicht
weniger. Sogar mehr!
Selbstkenntnis tut dem Menschen, der eine richtige Gattenwahl treffen
will, wohl am allermeisten not. Und wenn je eine Akademie für Ehewissen-
schaften errichtet wird, so möge man für ihren Tempel die Aufschrift des
Heiligtumes, das Delphi dem Apollo errichtete, übernehmen.
Natürlich können wir überhaupt nicht daran denken, an dieser Stelle auch
nur einen Versuch zur Erörterung der Leitgedanken einer so äußerst schwie-
rigen Kunst, wie des „Erkenne dich selbst“, zu machen. Es wäre übrigens
auch untunlich, an einen verhältnismäßig noch jungen Mann und an ein
Mädchen, die sich gerade heiraten wollen, solche Forderung zu stellen. Nur
der gereifte, außergewöhnlich veranlagte Mensch ist einer Selbstanalyse, wie
Graf Keyserling sie in seinem schon angeführten „Menschen als Sinnbilder“
gegeben hat, fähig.
So muß ich mich denn darauf beschränken, meine Leser auf den Ernst der
Selbsterkenntnis und ihre Bedeutung für die eheliche Harmonie aufmerksam
zu machen und mich bemühen, sie davon zu überzeugen, daß sie, sowohl
bevor sie zur Gattenwahl schreiten, wie auch später, wenn sie danach streben,
ihr Eheglück unversehrt zu erhalten, es erreichen müssen, nach dem Maße
ihrer Fähigkeiten wie Herakleitos sagen zu können: „Ich habe mich
selbst durchforscht.“
* * *

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