Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 250
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Kapitel XV
Die Bedeutung der praktischen Erotik für die Ehe
Wer die ergreifenden Worte, mit denen Paulus die Nächstenliebe ge-
kennzeichnet hat, psychologisch erwägt, muß wohl dadurch getroffen werden,
daß sie vor allem das innige Verlangen zum Ausdruck bringen, Gefühle,
die Menschen voneinander abstoßen, zu neutralisieren.
„Die Liebe ist langmütig und freundlich; ... sie verträgt alles,., sie
glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.“
Besser kann auch die Gemütsverfassung nicht umschrieben werden, welche
die Grundlage für die Bekämpfung der ehelichen Abneigung — d. h. also
ebenfalls: die Neutralisierung abstoßender Kräfte — bilden soll.
Wenn nun auch eine Ehe, die auf Gefühlen der Nächstenliebe, auf Einsicht
und Erkenntnis, auf Anpassung und gutem Willen, auf Zusammengehörigkeit
und auf Gemeinschaft der Interessen und Schicksale beruht, eine Ehe ohne
gegenseitige Abstoßung, manchmal sogar eine Ehe in Harmonie sein kann
— eine E h e im vollen Sinne des Wortes ist sie damit noch nicht. Dazu
braucht es neben all dem, neben der Liebe in der Bedeutung des Paulus,
der Liebe im geschlechtlichen Sinne: ohne Erotik gibt es keine wirk-
liche Ehe, — und ohne eine der Vollendung sich nähernde praktische Erotik
keine vollkommene Ehe.
Wieviel der praktischen Erotik, der Technik der Liebesbetätigung in den
meisten Ehen fehlt, und wie die Liebe infolge dieses Mangels an Ausdrucks-
möglichkeiten hinschwindet und zugrunde geht, habe icli im ersten Band dieser
Trilogie dargelegt. Und so wie ich hier in diesem Buche versuche, den
Weg zu zeigen, auf dem die trennenden Kräfte unwirksam gemacht werden
können, habe ich dort die Maßnahmen angegeben, durch welche die bindende
Macht verstärkt wird. Daß solche Maßnahmen, rechtzeitig angewendet, viel
leichter durchzuführen sind als jene, die aus den in diesem Buch ge-
gebenen Darlegungen hervorgehen sollen, ist sowohl in der größeren Genauig-
keit begründet, mit der sich die betreffenden Ratschläge erteilen lassen, wie
vor allem auch in der Geringfügigkeit der Opfer, die sie bedingen.
Ich wußte, als ich die „Vollkommene Ehe“ schrieb, daß ich die wunde
Stelle des Ehelebens berührte. Der Widerhall aber, den das Buch in den
Herzen so vieler gefunden hat, hat mich fester denn je davon überzeugt, daß
Fehler in der ehelichen Erotik nicht nur auf direktem Wege Anlaß zur Ab-
neigung geben, sondern daß auch der Mangel an Befriedigung beim Mann
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