Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 271
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Schlußbetrachtung
Jede Ehe wird durch Abneigung der Gatten bedroht, weil in dem Ver-
hältnis der Geschlechter die gegenseitige Abstoßung einen mindestens gleich
starken Einfluß ausübt wie die Anziehung, und weil bei dem engen Zu-
sammenleben so verschiedenartig veranlagter Wesen wie Mann und Weib
nun einmal sind, Stoff und Gelegenheit zu Konflikten gleich reichlich vor-
handen sind. Dem steht gegenüber, daß nur die Ehe dem Menschen die
gleichzeitige völlige Befriedigung verschiedener lebenswichtiger Triebe er-
möglicht. Aus diesem Grunde muß die Ehe, meiner innersten Überzeu-
gung nach, den Schwierigkeiten, die mit ihr nur allzuoft verbunden sind,
zum Trotz, als eine Lebensbedingung für Mann und Weib betrachtet
werden, — eine Lebensbedingung in dem Sinne, daß ein Leben außerhalb
der Ehe selbstverständlich sehr wohl möglich, aber kein volles Leben ist,
und daß das Leben in einer nur teilweise glücklichen Ehe vor einem Dasein
ohne Gefährten den Vorzug verdient.
Außerdem bietet die Ehe, wenn man ihre Schwierigkeiten zu beherrschen
weiß, so viele und so bedeutende Aussichten, um den Lebensinhalt in allen,
oder doch beinah allen, Richtungen zu vergrößern, daß sie die Anstrengung,
die Hingebung und die Opferwilligkeit, die sie von den Gatten fordert, reich-
lich vergütet.
Diese Hingebung und Opferwilligkeit sind jedoch unbedingt notwendig.
Ohne sie ist ein eheliches Glück nicht denkbar. Hingebung i s t schon Bereit-
schaft, um Opfer zu bringen. Denn Hingabe, die nur unter der Bedingung
der Erwiderung geschenkt wird, ist keine Hingabe. Wer nicht zu wahrer
Hingabe bereit oder fähig ist, der wird sich in seiner Ehe immer enttäuscht
sehen1).
Aber auch die Anstrengung, die fortwährende, nie nachlassende Anstren-
gung darf nicht fehlen. Jedes Glück will erlernt sein und an jedem Glück
muß unaufhaltsam gearbeitet werden; — das gilt erst recht für das Glück
der Ehe. Denn die Ehe darf nicht als einfache Tatsache hingenommen wer-
den, sondern sie ist als Ideal zu betrachten, dem man, immer strebend sich
bemühend, allmählich näher kommt.
In diesem Rahmen gesehen, ist auch der ehelichen Abneigung, solange
sie wenigstens innerhalb gewisser Grenzen bleibt, eine nützliche Funktion

1) S. Watt je s (Philosophische Gedanken über die Ehe, zitiert in Aph. XXVII.)

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