Velde, Theodor Hendrick van de
Die Abneigung in der Ehe / von Th. H. van de Velde — Leipzig [u.a.], 1928

Page: 275
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ragend nun aber auch die Verdienste für Wissenschaft und Praxis sind,
welche diese Schulen aufzuweisen vermögen, — ich habe mich dennoch an
keine ihrer Lehren binden wollen; im allgemeinen nicht und in diesem Buche
erst recht nicht. Mich an den Grundsatz haltend, das Gute dorther zu neh-
men, wo ich es zu finden glaube, habe ich von der einen Lehre wie von
den anderen das übernommen, was mir für meine Arbeit nützlich erschien,
und dies alles zusammenfassend versucht, es dem Leser beizubringen, damit
er seinen Vorteil daraus ziehe.
Diese Weise des Vorgehens setzt mich selbstverständlich der Gefahr aus,
nicht allein von den Anhängern der „anderen“ Lehren angegriffen zu werden,
sondern von den Adepten aller Schulen hören zu müssen, daß ich als Out-
sider von der Psychologie im allgemeinen und von der Psychologie der Ehe
im besonderen keine blasse Ahnung habe. Man hat schon im voraus damit
angefangen, wie aus dem Ausschnitt hervorgeht, den ich einer — übrigens
sehr wohlgesinnten und anerkennenden — Besprechung der „Vollkommenen
Ehe“ entnehme, die Fritz Wittels in der „Neuen Freien Presse“ vom
28. November 1926 veröffentlicht hat. Er hat folgenden Wortlaut: „Van
d e V e I d e spricht von der Technik der Ehe. Er kündigt zwei weitere Bände
an, die von der Psychologie und den Kindern“ (eine Ausdrucksweise, die zu
Mißverständnissen führen kann!) „handeln sollen. Er wird sie vermutlich
nicht schreiben. Wüßte er genug von der Psychologie der Ehe, so hätte er
den Mut zur Technik der Ehe nicht aufgebracht. Denn die Hochehe er-
gibt sich samt ihrer Technik von selbst, wo die psychologischen Voraus-
setzungen vorhanden sind. Die aber sind so verwickelt, daß die Gelehrten
vergeblich an ihrer Entwirrung arbeiten.“
Ja, — wenn die Praxis des Lebens darauf warten soll, bis die „Denker“
und die „Philosophen“ (die Wittels im Anfang seiner Besprechung er-
wähnt) mit Denken und Philosophieren fertig geworden sind, und bis „die
Gelehrten“ nicht mehr vergeblich an der Entwirrung der psychologischen
Voraussetzungen der Hochehe arbeiten würden, so könnte den Menschen
wohl ebensowenig (es ist leider doch noch immer nur ein wenig!) geholfen
werden, wie es der Fall sein würde, wenn wir Ärzte mit unseren Verord-
nungen und unserem Eingreifen zuwarten wollten, bis die Theoretiker und
die Forscher an ihren Schreibtischen und in ihren Laboratorien die nicht
viel weniger verwickelten Fragen, die mit den Krankheiten des Körpers
Zusammenhängen, entwirrt haben: — was übrigens gewiß nicht heißen will,
daß ich die Bedeutung der Arbeit des Denkers, des Philosophen, des
Psychologen, des Theoretikers, des Laboratoriumsforschers, auch für die
Praxis nicht sehr hoch anschlage!

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