Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen: Mittheilungen über Localbahnen insbesondere Schmalspurbahnen — Erster Jahrgang.1882

Page: 5
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Zb-2423-1-1882/0017
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
FRANKREICH, ITALIEN, ÖSTERREICH-UNGARN, SCHWEIZ.

5

Was das Ausland anbelangt, so ist es in erster Reibe Frankreich, das mit
dem Bau localer Eisenbahnen (chemins de fer d’interet local) sehr energisch voran
geht, besonders seitdem das Freycinet’sche Localbahngesetz vom Jahre 1878 erlassen
ist. — Es dürften in Frankreich jetzt schon über 2500 Kilometer Localbahnen, sowohl
schmal- wie normalspurige im Betriebe sich befinden und fast täglich liest man in
den Fachzeitungen von neuen Projecten.
In Frankreich räumt man in dieser Frage, hei der es sich doch fast ausschliesslich
um technische und volkswirtschaftliche Erwägungen handelt, sowie überhaupt im
gesummten technischen Gebiete, dem Techniker einen weit maassgebenderen Einfluss
ein, wie leider hei uns, wo in erster Reihe Juristen und Yerwaltungsheamte den
bestimmenden Einfluss ausüben, während die Techniker erst in zweiter Reihe kommen
und meistens gar keinen Einfluss haben.
Während in Frankreich der Ingenieur Freycinet Bautenminister wurde und
dann die Initiative zu dem französischen Localbahngesetze ergriff, das mit seinem
Namen immer verbunden sein wird, während ferner in der Schweiz der Ingenieur
Bavier zum Bundesrath-Präsidenten gewählt wurde, ist die Stellung der Techniker
in Deutschland keineswegs eine solche, wie die grosse Bedeutung der gesammten
Technik für das moderne Culturleben dies als wünschenswerth erscheinen lassen muss
und ganz besonders im Verkehrswesen herrscht immer noch eine Bevorzugung des
juristischen Elementes gegenüber den Technikern, welche für letztere oft geradezu
deprimirend wirkt.
Nächst Frankreich ist es Italien, das auf dem Gebiete des Localbahnwesens
sehr thätig ist; nicht allein, dass hei den Hauptbahnen den localen Transportbedürf-
nissen durch Einlegung von „Omnibuszügen“ und Einrichtung des „secundären Be-
triebes“ Rechnung getragen wird, es zeigt sich die Thätigkeit auf diesem Gebiete
besonders in der Herstellung von Dampftramway-Linien, deren schon eine grosse
Anzahl existiren.
Man geht verständiger Weise so weit hier mit, dass man kürzlich auf der nur
12 km langen Schmalspurbahn Turin-Rivoli für eine Strecke von nicht ganz 3 km
Länge einen separaten Tramway-Betrieb eingerichtet hat, weil dazu ein besonderes
Bedürfnis vorhanden war.
Auch Oesterreich-Ungarn hat seit Sommer 1880 ein Localbahngesetz und
werden auch viele Projecte angefertigt; mit der Ausführung dieser Projecte geht es
aber, wie bei uns, sehr langsam voran. Auffallend ist, dass man z. B. in Wien, wo
die schönen breiten Ringstrassen vorhanden sind, noch keine Tramway-Maschinen
anstatt der Pferde eingeführt hat.
In Ungarn wurden eine Anzahl von Schmalspurbahnen ausgeführt, meist zu indu-
striellen Zwecken, welche zum Theil sehr interessant sind und die zugleich beweisen, was
für Resultate man mit Schmalspurbahnen erzielen kann, wenn sie rationell angelegt werden.
In der Schweiz, wo man sich neben dem „secundären Betriebe“ besonders mit
der Herstellung von Schmalspurbahnen und Zahnradbahnen beschäftigt, sind die ver-
schiedensten Projecte aufgestellt, — das neueste Beispiel einer ausgeführteu Schmalspur-
bahn ist die Waldenburger Bahn, von welcher später noch specieller die Rede sein wird.
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list