Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — XIII. Jahrgang.1894

Page: 124
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DER GASMOTORWAGEN VON LÜHR1G.

zum Zusammenpressen und Füllen. Je nach der Länge der Linie und nach der Anzahl
der laufenden Wagen sind eine oder mehrere Stationen erforderlich.
Was nun die Construetion des Wagens anbetrifft, so gleicht diese äusserlich einem
gewöhnlichen Strassenbahnwagen. Lührig hat zwei verschiedene Wagen gebaut, einen
grossen für mindestens 29 Personen und einen kleineren für mindestens 26 Personen. Der
grosse Wagen wird durch zwei Zwillingsmotoren von 8 Pferdekräften getrieben, welche an
den beiden Längsseiten unter den Sitzplätzen derart angebracht sind, dass die Vorräder
nach aussen liegen; deshalb sind auch die Fenster nicht zum Niederlassen eingerichtet,
weil sich gerade in dem Baum, welchen die niedergelassenen Fenster einnehmen würden,
die Vorräder befinden. Dennoch ist für die Ventilation der Wagen durch Schiebeklappen
in dem geräumigen Dache hinreichend gesorgt. Der Kaum für die beiden Motoren ist
nach allen Seiten durch Metallwände, nach vorne durch eine Flügelthür und durch zwei
kleinere Thüren abgeschlossen; bei geschlossenen Thüren ist somit von der ganzen Ein-
richtung nichts zu sehen, während bei geöffneten Thüren die Motoren an allen Theilen
leicht erreichbar sind.
Die beiden Motoren können zugleich oder einzeln auf die Triebkraft wirken. Durch
eine auf den Regulator wirkende, von dem Wagenführer mit einem Fusshebel zu bedienende
Steuereinrichtung können drei verschiedene Geschwindigkeiten des Motors entwickelt werden,
nämlich 150 Drehungen in 1 Minute für den unbelasteten Lauf, 200 für den langsamen
und 240 Drehungen für den schnellen Gang. Wenn der Wagen an den Halte- und End-
stationen nur kurze Zeit steht, so laufen die Motoren unbelastet mit 150 Umdrehungen,
um nicht jedesmal die Maschine von Neuem in Gang setzen zu brauchen. Während der
Fahrt wird das Geräusch der umlaufenden Motoren im Wagen nicht gehört, nur während
des Stillstehens hört man den Gang der Maschinen und bemerkt ein leichtes Zittern des
Wagens, was jedoch weiter nicht lästig ist und ohne Schwierigkeit bei fernerer Vervoll-
kommnung der Construetion beseitigt werden kann.
Das Triebwerk selbst besteht aus drei Scheiben, von welchen die erste mittlere direct
durch Zahnradübertragung von den Gasmotoren bewegt wird. Durch Einfügen einer Klauen-
kuppelung und durch zwei Paar Zahnräder von verschiedener Grösse wird die Bewegung
der mittleren Scheibe auf eine zweite, seitwärts von dieser liegenden Scheibe übertragen.
Die dritte, auf der anderen Seite liegende Scheibe ist die eigentliche Triebscheibe, welche
mittelst einer Klauenkuppelung bezw. durch Einrücken von mehreren Zahnrädern nach
Belieben vor- oder rückwärts bewegt werden kann. Von dieser letzten Scheibe aus werden
dann die Wagenachsen mittelst Gall’scher Ketten in Drehung gebracht.
Zum Einfügen der genannten Kuppelungen stehen dem Wagenführer zwei Handhebel
zur Verfügung. Die Bewegung oder besser das Ansetzen und Aussetzen der Triebachsen
(Scheiben) und ausserdem das Stoppen der Wagen erfolgt durch eine Keibungskuppelung,
welche zugleich mit den auf die Wagenräder wirkenden Bremsen von dem auf dem Perron
stehenden Wagenführer durch Drehen eines Handrades ein- oder ausgerückt wird, und
zwar derartig, dass die Bremsen eingreifen, sobald die Keibungskuppelung eingerückt wird
und die Triebachse die Radachse mitnimmt.
Der Wagenführer hat somit einen Fusshebel für die Regulirung des Ganges der
Gasmotoren, zwei Handhebel für das Ein- und Ausrücken der beiden Klauenkuppelungen
und das Zahnrad für das Ein- und Ausrücken der Reibungskuppelungen und die Bremse
zu bedienen. Die Bedienung dieser Steuereinrichtungen, mit deren Hülfe jede gewünschte
Fahrveränderung — plötzliches Stillhalten, Fortbewegen, Rückwärtsfahren, grössere oder
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