Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — XIII. Jahrgang.1894

Page: 162
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MOTORISCHER STRASSENBETRTEB.

Weise angewendet werden, sodass zur Zeit von keinem einzigen Systeme gesagt werden
kann, dass es sich in jeder Hinsicht dazu eignet, den Betrieb mit Pferden zu ersetzen.
Der älteste und am meisten bekannte Motorenbetrieb ist der mittelst Dampf. Die
Dampflokomotive kann jedoch nur in gewissen Fällen angewendet werden und zwar da,
wo es sich darum handelt, einen ausgedehnten Verkehr zu bewältigen, also nur für den
Verkehr ausserhalb einer Stadt. In den Städten selbst wird sie in den meisten Fällen
unzweckmässig sein, namentlich wegen der damit verbundenen Ueberlast und wegen des
unvermeidlichen Hebels, welches in Folge des Mitführens von Kohlen und Wasser das
Gewicht der Lokomotive oder der Dampfwagen zu sehr vergrössert und somit den Ver-
kehr zu schwierig gestaltet.
Ein anderes System, welches in der Schweiz und in Frankreich Eingang gefunden
hat und in Lokomotiven oder Motorwagen mit zusammengepresster Luft (System Mekaski)
besteht, hat ausser auf 2 Linien keine weitere Ausdehnung gefunden. Wie bekannt, be-
steht das System darin, dass auf hohen Druck gepresste Luft eine Lokomotive oder einen
Wagen selbst mit direkt angebrachter Luftdruckmaschine in Bewegung setzt. Wenn auch
nach den Ergebnissen diese Motorwagen einen sehr ruhigen Gang haben, leicht in Be-
wegung zu setzen und sicher zum Stillstand gebracht werden können, so sind doch zur
Zeit die Kosten für den Betrieb, für die Unterhaltung der Maschinen u. s. w. noch zu
hoch, als dass dieser Motor vorläufig mit den Pferden iii Mitbewerb treten kann.
Eine grössere Anwendung, namentlich in den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas,
haben die Kabelbahnen, wobei ein unterirdisches, durchlaufendes, von einer Centralstation
in Bewegung gesetztes Kabel dazu benutzt wird, die Wagen mittelst besonderer, das Kabel
fassender Einrichtungen in Bewegung zu bringen. Diese Betriebsweise kann nur da ge-
braucht werden, wo grössere Steigungen auf längeren Linien zu überwinden sind und w'o
auch mehrere Wagen hintereinander gekuppelt werden können, weil man hier von dem
Reibungsgewicht der Wagen ganz unabhängig ist, also auch ein ausgedehnter Verkehr
bewältigt werden kann. Einige Schwierigkeit bereitet jedoch das Durchfahren der Weichen,
weil man dabei entweder Hülfskabel oder Pferde hinzuzieheu muss. Deshalb gerade ist
eine ausgedehntere Anwendung dieses Betriebes nur in amerikanischen Städten möglich,
weil diese viel regelmässiger als in Europa angelegt sind.
Wenn man die sonstigen, ihre Probezeit noch nicht überstanden habenden Motor-
wagen mit kochendem Wasser, Benzin, Naphta, flüssiger Kohlensäure u. s w. nicht mit-
rechnet, so muss zugegeben werden, dass der wichtigste Motorenbetrieb, welcher voraus-
sichtlich die grösste Zukunft hat, der elektrische ist.
Bei diesem Betrieb unterscheidet man 3 Systeme, nämlich: mit Accumulatoren, mit
unterirdischer und mit überirdischer Leitung. Obwohl der Betrieb mit Accumulatoren
eigentlich deshalb der beste ist, weil jeder Wagen seine eigene Kraftquelle mit sich führt,
so hat derselbe mit Ausnahme eigener Linien keine weitere Anwendung vorläufig erfahren,
weil bis heutigen Tages das Gewicht der Accumulatoren noch zu gross ist und mit diesem
Betrieb ausserdem verhältnissrnässig hohe Kosten verbunden sind. Die elektrischen Bahnen
mit unterirdischer Leitung erfordern in den Strassen angelegte Kanäle zur Aufnahme der
Stromleitung; diese Kanäle mit nach oben geöffneten Ritzen müssen zur Vermeidung von
Verkehrsstörungen sorgfältig reingehalten werden und sind vor allen für Städte aus ästhe-
tischen Rücksichten empfehlenswerther als Strassenbalmen mit oberirdischer Leitung. Trotz-
dem hat letzteres System gegenwärtig die grösste Anwendung gefunden und zwar, weil
dieses in der Praxis sich als das vollkommenste und billigste erwiesen hat.
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