Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — XIV. Jahrgang.1895

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STRASSENBAHNEN IN GROSSSTÄDTEN ALS MITTEL ZUR BEWÄLTIGUNG DES VERKEHRS. 7

ergab sich eine noch viel bedeutendere Entwicklung der sämmtlichen Orte ausserhalb der
Verzehrungssteuer-Linie und jetzt nach dem Falle der Linienwälle und der Vereinigung
der jüngeren Vororte mit Wien tritt bereits die Verschiebung der Fabriken über die neuen
Stadt- und Verzehrungssteuergrenzen zu Tage.
Wer nur diese Verschiebung richtig auffasst, und dann den Verkehr nach der weniger
belasteten verzehrungssteuerfreien Umgebung Wien’s durch Anlage einer entsprechenden
Strassenbahnverbindung in die rechte Balm weist, der braucht für die Rentabilität seiner
Anlage nicht besorgt zu sein. Wie hier in Wien, so wird es viele Grossstädte geben,
wo noch für Anlagen werthvoller Strassenbahnlinien ein günstiges Feld ist. —
Dass im Allgemeinen schon von staatswegen auf einen Zusammenhang der Strassen-
linien gesehen werden soll, und die Möglichkeit offen gehalten werden muss, dass die
Fahrbetriebsmittel einer Strassenbahn auch auf alle anderen übergehen können, soll nicht
bestritten werden, doch wäre immerhin behördlicherseits auch dahin zu wirken, dass man neuen
Unternehmungen nicht ohne hinreichenden Grund den Weg zu ihrer natürlichen Fort-
entwicklung absperrt, etwa aus zu peinlicher Vorsorge für ältere bestehende Institute, die
zumeist versäumen, den gesteigerten Bedürfnissen der Allgemeinheit in entsprechender
Weise rechtzeitig Rechnung tragen zu wollen.
Die städtischen, sowie die staatlichen Behörden mögen in jedem einzelnen Falle mit
Wohlwollen an die Prüfung der Vorlagen und Projecte herantreten und jenen entgegen-
kornmen, die wolilthätige Verbesserungen des Verkehres vorzunehraen und einzurichten
bestrebt sind.
Es liegt im Interesse des Localverkehres einer ausgedehnten Grossstadt eine innere
Ringbahn und innerhalb derselben 2—3 Durchmesserlinien anzulegen; gleichzeitig muss
jedoch auch darauf das Augenmerk gerichtet werden, von der Ringbahn nach aussen die
erforderliche Anzahl Radiallinien zu erlangen. Von der Entwickelung der Stadt an ihrem
Umfange wird es dann abhängen, ob ausser diesen Radialstrecken auch wieder in Ent-
fernungen von 1—2 km von der inneren Ringbalm neue Ringlinien zu errichten sind.
Jedenfalls kann nur in der Combination vom Ring- mit dem Radial verkehr die vollkommene
Befriedigung der bestehenden Bedürfnisse des Localverkehres erreicht werden und da dem
elektrischen Betriebe, vermöge der ihm zukommenden namhaften Vortheile vor den übrigen
bestehenden Betriebssystemen, jedenfalls die Zukunft des Strassenbahnverkehres gehört, so
wäre nur zu wünschen, dass überall die massgebenden Factoren und die betheiligten Inter-
essenten bald an’s Werk gehen möchten, die bestehenden Pferdebahnen für den elektrischen
Betrieb einzurichten und die vorhandenen Strassenbahnstrecken zu einem systematischen
Verkehrsnetze von Ring- und Radialbahnen mit elektrischem Betriebe auszugestalten.
Alle jene grösseren Städte, die rechtzeitig an diese Umgestaltung und Erweiterung
ihrer Vorkehrsanlagen herantreten, werden sich durch den Erfolg von der gedeihlichen
Lösung ihrer Localverkehrsfrage zu überzeugen im Stande sein und die nachstrebenden
Städteanlagen durch das gute Beispiel zur Nacheiferung anspornen.
Wien, im August 1894.
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