Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — XIX. Jahrgang.1900

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DER BETRIEB DER LOKALBAHNEN.

II

1. Die Dampfmotorwagen.
Die ersten Versuche mit Dampfmotorwagen wurden bereits im Jahre 1859 auf
Strassenbahnen in den vereinigten Staaten Amerikas unternommen. In England erschienen
die ersten Dampfwagen im Jahre 1868. Von diesem Zeitpunkte an finden wir sie auf Haupt-
bahnen und auf Strassenbahnen in zunehmender Verwendung. Auf ersteren fanden die
Bauarten von Brown, Belpaire und Thomas, auf letzteren jene von Perrett und
Kowan Eingang.
Ilrown’s Dampfwagen verkehrt seit 1876 auf der Eisenbahn von Lausanne nach
Echallens, Belpaire’s Wagen, im Jahre 1877 erbaut, steht auf den belgischen und in
etwas abgeänderter Bauart auf den französischen Staatseisenbahnen in Verwendung, während
Dampfwagen nach der Type Thomas’ auf Nebenbahnen in Hessen laufen. Der Wagen
Perret’s bedient eine Strassenbalm in Irland und Rowan’s Wagen versieht den regel-
mässigen Dienst auf einzelnen Linien der Strassenbahnen in Stockholm, Kopenhagen, Berlin,
Moskau, Lyon und Paris. Die „Compagnie generale des Omnibus“ in Paris lässt auf den
Strecken Louvre-Boulogne, Louvre-Saint-Cloud und Anteuil-Boulogne je 4 Rowandampf-
wagen verkehren.
In jüngster Zeit (seit 1893) hat der Serpolletwagen, characterisirt durch die eigen-
thümliche Bauart seines Kessels, berechtigtes Aufsehen erregt und auf verschiedenen
Strassenbahnlinien in Paris so wie auf den Württembergischen Staatseisenbahnen zur Ver-
mittlung des Nahverkehres Anwendung gefunden.
Aehnlich dem Serpolletwagen ist der Automobil-Dampfwagen von Maurice Le
Blant*), mit welchem die k. k. österreichischen Staatsbahnen in den ersten Monaten des
Jahres 1899 auf der Praterlinie in Wien grössere, lediglich weiteren Studien dienende
Versuchsfahrten unternommen haben. Jüngeren Datums sind der Dampfwagen Clarks und
der Kineticmotor; die nach letzterem Systeme erbauten Wagen, die auf amerikanischen
Bahnen laufen, tragen eine kleine Maschine mit Heisswasserkessel, Luftcondensator und
Controleinrichtungen. Der unter dem Wagenkasten befindliche Kessel enthält bei der
Abfahrt von der Ausgangsstation 10411 Wasser von 191 °C., entsprechend einer Spannung
von 14 cm; zur Erhaltung des notliwendigen Druckes auch während der längsten gewünschten
Fahrt wird in die Feuerbüchse des Kessels eine Pfanne mit weissgliiheuder Anthracitkohle
gegeben. Der Dampf läuft vom Kessel durch ein Abspaunungsventil, das die Regelung des
Dampfdruckes besorgt, zu den beiden Cylindern der Maschine, die bei einem Durchmesser
von 23 cm einen Kolbenhub von 25 cm besitzen. Die Abwesenheit des Feuerherdes und
aller damit zusammenhängenden Uebelstände würde den Kineticmotorwagcn, über dessen
Anwendung auf einem Flügel der New-York- und New-Jersey-Eisenbahn das „Street-Railway-
Journal“ (1897, S. 366) und die „Mittheilungen des Vereines für die Förderung des Local-
imd Strassenbalmwesens“ (1898, S. 113) ausführlicher berichten, für städtische Strassen-
bahnen den Dampfwagen Serpollet’s und Le Bla nt’s überlegen erscheinen lassen; für
Localbahnen ist diese Eigenschaft ziemlich belanglos; dagegen bleibt die Abhängigkeit des
Kineticmotors von einer Centralstation immer eine missliche Sache.
Der Dampfwagen Rowan’s kann als typischer Vertreter der älteren, aber noch immer
lebensfähigen Motorwagen gelten. Er besteht aus zwei Theilen: einem Plattformwagen,
dei aut zwei gekuppelten Achsen ruht und den Motor sammt Kessel trägt, und aus dem
') Veigl. Ziffer’« Abhandlung in den „Mittheilungen des Vereines für die Förderung des Lokal-
und Strassenbalinwesens“, 1899, S 223

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