Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — Dritter Jahrgang.1884

Seite: 48
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DER STAATSSOCIALISMUS UND DIE LOCALBAHNEN.

VIII.
Der Staatssocialismus und die Localbahnen.
Von Dr. W. Schaefer.
Was hat der Staatssocialismus mit den Localbalmen zu thun? Wo ist eine Kund-
gebung desselben zu verzeichnen, durch welche er sich mit diesen jüngsten Kindern des
Eisenbahnverkehrs auch nur theoretisch beschäftigt hätte? Wir wissen, dass er in Deutsch-
land nach Ablehnung des Tabaksmonopols, welches übrigens von der Reichsregierung wohl
mehr als eine finanzpolitische Maassregel gedacht war, gegenwärtig das Versicherungswesen
der bislang so segensreich wirksamen Privatindustrie zu entziehen sucht, dass daneben
auch ausschweifende Projecte zur Verstaatlichung des gesainmten Credit- und Bankwesens
besprochen werden und dass vor Allem die Verstaatlichung des Grundeigenthums, welche
seihst in England eine kleine, aber rührige Partei für sich gewonnen hat, seit den Er-
örterungen von Rodhertus-Jagetzow in sehr bedrohlicherWeise aus den Studirstuben
der Gelehrten in die öffentliche Diskussion der Socialreformer quand-meme übergegangen
ist. Die gebildeten Bürgerkreise aller westeuropäischen Culturländer durchdringt das un-
behagliche Gefühl, dass wohlmeinende conservative Elemente, von den Anschauungen der
Socialdemokratie über die Omnipotenz des Staates angesteckt und in dem Wahn befangen,
dass zwischen der Socialdemokratie, die doch mit so anerkeunenswerther Offenheit ihre
letzten Ziele klar zu erkennen giebt und der bestehenden Gesellschaftsordnung irgend ein
Pakt möglich sei, einen Theil der socialdemokratischen Forderungen zu verwirklichen suchen
und dass sogar hervorragende Staatsmänner diese Richtung wenigstens so weit begünstigen,
als sie ihnen zur augenblicklichen Stärkung der Staatsgewalt eine Handhabe zu bieteu
scheint. . Aber auf dem Gebiete des Verkehrswesens hört man selten von Staatssocialismus
sprechen — und warum das nicht geschieht, das scheint uns auch ein bedenkliches Zeichen
der Zeit zu sein,, dessen Gründen nachzuforschen sich wohl der Mühe verlohnt.
Wenn wir von Militärwesen, Rechtspflege, Polizei und den ethischen Aufgaben des
Staates absehen und nur die wirtschaftlichen Thätigkeiten der Menschen in das Auge
fassen, so giebt es kein Gebiet derselben, auf welchem im Gegensatz zur Privatwirtschaft
des Einzelnen und der Familie der Staat mit seinen stufenweisen Gliederungen der Provinzen,
Kreise, Gemeinden oder in regulirten Zwangsgemeinschaften als mehr oder weniger selbst-
ständiger Wirtschafter in so hohem Grade von jeher aufgetreten ist, als auf dem Gebiete
des Verkehrswesens. Waren doch auch von jeher die Verkehrsmittel ein integrirender
Bestandteil des Angriffs- und Verthoidigungssystems aller Länder und mussten doch von
den drei Transpörtelementen, Weg, Fahrzeug und Motor, das erstere naturgemäss der
Gemeinwirthschaft zufallen, da keinem Privatmann zugemuthet werden kann, einen Weg
zu bauen, den er für sich vielleicht nur wenige Male benutzt, der vielmehr einer unbe-
stimmten Mehrzahl Anderer zu Gute kommt. Aber auch die Beförderung von Nachrichten,
sobald sie sieh über die Grenzen eines Landes hinauserstreckte, wurde durch die Staats-
posten und neuerlich die Telegraphen ganz naturgemäss der Privatwirtschaft in grossem
Hmfange entzogen, und so sind es eigentlich erst die Eisenbahnen gewesen, in deneu die
Privatindustrie eine grössere Rolle auch im Landverkehr zu spielen vermocht hat. Da hei
ihnen die drei Transportelemente, Weg, Fahrzeug und Motor nicht wohl von einander zu
trennen sind, so mussten die Staaten sich bequemen, den von Alters her von ihnen allein
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