Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — Dritter Jahrgang.1884

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VON FAHRGÄSTEN ZURÜCKGELASSENEN GEGENSTÄNDE etc.
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Dies gilt gleichmässig für solche Sachen, welche er selbst an den Platz, wo sie zurück-
geblieben, hingelegt hatte, wie für diejenigen, welche unbewusster Weise ihm vielleicht
aus der Tasche gefallen und so von seiner Person getrennt sind. Fehlt in der Person des
Fahrgastes aber die Absicht, der zurückgelassenen Sache sich entäussern zu wollen, so
kann durch das Liegenlassen höchstens die ^tatsächliche Herrschaft aufgehoben worden
sein, während der Wille, das Herrschaftsverhältniss über sie fortzusetzen, unverändert
fortbestand.
Wird durch das Aufhören der ^tatsächlichen Gewahrsam das Kecht auf die Sache
deren bisherigen Eigenthümer entzogen? Solches ist zu verneinen. Ebensogut wie Der-
jenige, welcher in einer fremden Behausung einen Gegenstand zurücklässt, jederzeit zu
dessen Rückforderung berechtigt ist, muss auch dem Fahrgaste öffentlicher Fahrzeuge dies
Recht zugestanden werden. Die blosse vorübergehende Trennung von seiner Sache benimmt
dem Fahrgaste nicht die Berechtigung, das Herrschaftsverhältniss durch Ansichnahme der
Sache wiederherzustellen. Wenn z. B. der Fahrgast dem Bahnwagen nachläuft oder nach-
fährt und ihn wieder erreicht, so lange die Sache am ursprünglichen Platze liegt, wird
niemand seine Berechtigung bestreiten, sie wieder an sich zu nehmen.
Warum soll der Umstand, dass eine dritte Person die Lage des Gegenstandes ändert,
indem sie solchen an sich nimmt, auf das Recht des Eigentümers einen entscheidenden
Einfluss üben können? Jener Dritte kann entweder eiu Bediensteter der Betriebsunter-
nehmerin (z. ß. Schaffner) oder ein anderer Fahrgast sein. Dass die Bediensteten der
Betriebsunternehmer dadurch, dass sie im Bahnwagen zurückgebliebene Gegenstände aus
der bisherigen Lage entfernen und an sich nehmen, eine Aenderung im Rechte des Eigen-
tümers auf die Sache nicht herbeiführen, ist in der Rechtsprechung unstreitig. Hiermit
stimmt die den Unternehmern öffentlicher ßeförderungsgelegenheiten ausnahmslos durch
die Behörden auferlegte Verpflichtung überein, die in ihren Fahrzeugen zurückgebliebenen
Gegenstände für deren Eigenthümer aufzubewahren. Insofern aber der Unternehmer der-
artiger Verkehrsanstalten als behördlich bestellter Aufbewahrer der in seinen Fahrzeugen
zurückgelassenen Sachen hingestellt wird, beginnt im Augenblicke, wo der Fahrgast aus-
steigt, die Aufbewahrungspflicht des Betriebsunternehmers. Er setzt also gewissermaassen
die Gewahrsam des Eigenthümers über die fragliche Sache für diesen fort und zwar durch
diejenigen seiner Bediensteten, welchen er die Begleitung des Fahrzeuges anvertraute.
Danach kann von einem Aufhören selbst der thatsächlichen Gewahrsam nicht einmal die
Rede sein, da solche unausgesetzt fortbesteht, nämlich durch den behördlich bestellten
Stellvertreter fortgesetzt wird.
Streitig ist1), ob ein Fahrgast eines öffentlichen Verkehrsmittels berechtigt sei, von
Dritten darin zurückgelassene Gegenstände an sich zu nehmen. Dass durch eine solche
Handlung dem Eigenthümer die Wiedererlangung des Gegenstandes erschwert wird, kann
nicht bedenklich sein. Seihst wenn angenommen wird, dass er von seiner That hei der
Ortspolizeibehörde Anzeige macht, ist eine Gefahr und Erschwerung für den Eigenthümer
nicht zu verkennen. Denn der Ort des Aussteigens braucht nicht nothwendig in dem-
jenigen Polizeibezirke zu liegen, welchen der Eigenthümer allein nur durchfahren und inner-
halb dessen er die Sache zurückgelassen hat. Es kann z. B. ein Fahrgast, welcher die

i) M. vergl. meine Abhandlung in Wallmann’s „Deutsche Juristen-Ztg.“ Bd. VII S. 314 mit
Eck a. a. 0. Bd. I S. 49.
Zeitschrift f. Local- u. Strassenhalmen. 1884.

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