Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — Dritter Jahrgang.1884

Page: 72
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72 BEHANDLUNG DER IN LOCAL- UND STEASSENBAHNWAGEN VON FAHRGÄSTEN etc.

Pferdebahn von Berlin nach Tegel benutzt hat, die Sache im Berliner Weichbilde zurück-
gelassen haben, welche ein erst im Tegeler Weichbilde zugestiegener Fahrgast bemerkte,
an sich nahm und bei der Ortspolizeibehörde über Tegel vorschriftsmässig anmeldete. Der
Eigenthümer, welcher nicht wissen kann, in welchem Gemeindebezirke die von ihm zurück-
gelassene Sache aus ihrer bisherigen Lage entfernt und wo sie deshalb polizeilich ange-
meldet werden wird, wäre zur Erhaltung' seines Eigenthums nicht allein verpflichtet bei
den einzelnen Gemeinde-Polizeibehörden der durchfahrenen Strecken anzufragen, ob viel-
leicht eine Anmeldung erfolgte, sondern sich auch zum Zwecke der ltecognoscirung der
Sache an Orte zu begeben, die er nicht einmal durchfahren hat. Dass darin eine arge
Belästigung und damit Erschwerung für den Eigenthümer, seine Sache zurückzuerlangen,
verbunden ist, liegt auf der Hand. Nicht selten wird sie — zumal für Fremde am Orte
Unbekannte — zur Folge haben, dass die Wiedererlangung thatsächlich versagt bleibt.
Unter so bewandten Umständen fragt es sich, ob der unberufene Dritte befugt ist,
in öffentlichen Fahrzeugen zurückgebliebene Gegenstände aus ihrer ursprünglichen Lage zu
entfernen, an sich zu nehmen und dadurch die Wiedererlangung für den Eigenthümer zu
erschweren, vielleicht sogar ganz abzuschneiden. Die Ansichten sind getheilt.
Ein Rechtsgrund, aus dem er die Befugniss der Ansichnahme ableiten könnte, ist für
den Fahrgast unerfindlich. Durch das Erlegen des Fahrgeldes erwirbt der Fahrgast nur
das liecht zur Benutzung des Fahrzeuges behufs seiner Weiterbeförderung auf der bezahlten
Strecke. Weiter geht seiu Hecht nicht. Er erlangt namentlich nicht die Befugniss, Hand-
lungen vorzuuehmen, durch welche die Betriebsunternehmer in der Erfüllung ihrer polizei-
behördlichen Pflicht, zurückgebliebene Sachen aufzubewahren, behindert werden. Nament-
lich steht ihm nicht etwa das Fundrecht zur Seite. Denn Sachen, welche der Fahrgast
in einem öffentlichen Fahrzeug zurücklässt, kann er vermöge der behördlich angeordneten
Aufbewahrungspflicht jederzeit von dem Betriobsunternelimer zurückfordern. Er bat die-
selben nicht verloren, weil er den Ort, wo er sie zurückgelassen, kennt und bezeichnen
kann. Wie nun aber der Gast im Cafe oder Bierlokal jedenfalls nicht berechtigt ist, die
Gegenstände eines anderen Gastes mitzunehmen, so muss diesem eines Fahrzeuges die Mit-
nahme gleichfalls versagt bleiben. Es ist ja denkbar, dass der vorher Abgestiegene nicht
einmal die Absicht hatte, sich von der Sache dauernd zu trennen, dass er sie vielmehr in
dem Glauben zurückliess, er würde sie bei seinem Wiederkommen noch vorfinden. Er
kann ja z. B. eines natürlichen Bedürfnisses wegen den Bahnwagen in dem Glauben ver-
lassen haben, er werde vor dessen Weiterfahrt solches befriedigt haben und zurück sein
können. Soll der Zufall, welcher dies vereitelt, einem unberufenen Dritten das Hecht
geben, die Sache für zurückgelassen zu betrachten und mitzunehmen? Dies wäre zweifellos
eine Unbilligkeit gegen den Eigenthümer. Diesen Anschauungen ist übrigens auch schon
in der Untersuchungssache contra Cohn dadurch Rechnung getragen worden, dass derselbe
wegen Diebstahls verurtheilt wurde, weil er vorsätzlich aus einem Pferdebahnwagen einen
Trauring mitgenommen, den ein anderer Fahrgast darin zurückgelassen hatte. Es wurde
nämlich in der Entfernung des Gegenstandes aus dem benutzten Fahrzeuge gegen den
Widerspruch des bedienenden Schaffners das Vorhandensein der widerrechtlichen Absicht
der Aneignung gefolgert, weil er nicht berechtigt gewesen, den Gegenstand dem behördlich
bestellten Aufbewahrer zu entziehen.
Aus den entwickelten Gesichtspunkten rechtfertigt es sich, dass die Betriebsunter-
nehmer gegen Fahrgäste, welche in Bahnwagen zurückgelassene Gegenstände an sich
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