Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — Dritter Jahrgang.1884

Page: 89
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Zb-2423-3-1884/0097
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
DIE BETRIEBSMITTEL DER LOCALBAHNEN.

89

Besonders die bei Localbahnen vielfach vorkommenden scharfen Curven (in Holland
z. B. bei normaler Spur bis zu 16 m Radius) machen ein flottes Laufen der Fahrzeuge in
Zügen nothwendig, damit nicht zu viel Zugkraft durch Ueberwindung der schädlichen
Beibungen verloren geht.
Ein aus zweiachsigen Wagen zusammengesetzter
Zug, Fig. 1, hei welchem sämmtliche Radstände gleich
sind, die Angriffspunkte der die Wagen verkuppelnden
Verbindungen in den Achsmitteln liegen und au Länge
den Radständen der Wagen gleichkommen, bei welchen
ferner die Achsen sich zu jeder Curve der Bahn im
richtigen Moment radial stellen können, also auch
beim Uebergang der Geraden in die Curve und umge-
kehrt eine correcte Stellung einnehmen werden, sind
das denkbar Vollkommenste.
Obgleich nun dieses theoretische Ideal praktisch
unausführbar ist, wird der Constructeur dasselbe doch immer im Auge behalten.
Die richtige Erkenntniss hierfür macht sich bemerkbar durch das Streben nach mög-
lichst in diesem Sinne functionirenden Radialstellungen der einfachen Wagenachsen.
Wenn nicht besonders zwingende Gründe zum Abweichen von dem festen Zweiaclisen-
system vorliegen, wird dasselbe als das Einfachste seine meisten Anhänger behalten. Dieses
System gestattet jedoch nur kleine Radstände bei scharfen Curven, in Folge dessen kurze
Wagen mit geringer Ladefähigkeit; denn sobald das Verhältnis des Radstandes zur Wagen-
länge über ein gewisses Maass hinausgeht, gerathen die Wagen leicht in sehr nachtheilig
auf die Verkuppelung der Wagen wirkende Längsschwingungen; auch können diese
Schwingungen in der Längsachse des Wagens Entgleisungen herbeiführen.
Kommt man aus obigen Gründen mit zwei festen Achsen nicht mehr aus, so hat
man sich für ein System verstellbarer Achsen zu entscheiden und steht zunächst vor
der Frage: „ob zwei Drehachsen oder zwei zweiachsige Drehgestelle?“ Von
ersterem System existiren bereits viele Constructionen, die aber wohl ohne Ausnahme mehr
Mängel als Vortheile zeigen, wie wir nachstehend an einigen Beispielen darzuthun versuchen
werden. Als Vortheil des drehbaren Zweiachsensystems lässt sich nur hervorheben,
dass dasselbe ein leichteres Durchfahren scharfer Curven gestattet, als feste Achsen; gegen-
über den zweiachsigen Truckgestellen ist wohl kaum ein Vortheil dieses Systems
hervorzuheben, müsste man denn behaupten wollen, dass dasselbe leichter, einfacher und
billiger herzustellen ist, welcher Vorzug aber bei den meisten dieser Constructionen zweifel-
haft sein dürfte.
Dem verstellbaren Zweiachsensystem anhaftende gemeinsame Fehler sind: Ein für
die Drehbarmachung der Achsen unter dem Wagen nothwendiges, nicht unbedeutendes
Mehrgewicht in den Wagen bringendes, complicirtes Rahmengestell. Die jedesmalige un-
richtige Stellung einer der beiden Achsen beim Uebergang des Wagens von der Geraden
in die Curve und umgekehrt.
Sich selbst überlassen werden zwei drehbar unter dem Wagen angebrachte Achsen
beim Durchlaufen von Curven selten richtig zum Schienenstrange stehen, aber auch in der
Geraden Schwankungen in ihrer Stellung durch Hindernisse auf den Schienen (Schienen-
stösse) oder sonstige Zufälligkeiten unterworfen sein, da kein führender Einfluss auf sie
ausgeübt wird.

Fig. l.


12*
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list