Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — IV. Jahrgang.1885

Page: 162
Citation link: 
http://tudigit.ulb.tu-darmstadt.de/show/Zb-2423-4-1885/0176
License: Creative Commons - No rights reserved (CC0)
0.5
1 cm
facsimile
162 ÜBER UNFALL-VERSICHERUNG DER FAHRGASTE UND STRASSENPASSANTEN.

XXIX:
Empfiehlt es sich für Strassenüahnen, die haftpflichtigen Unfälle der
Fahrgäste und Strassenpassanten bei Privatgesellschaften zu versichern
oder aus den Betriebs-Einnahmen des Unfallsjahres selbst zu tragen?
Von Dr. C. Hilse,
Rechtslehrer an der Kgl. technischen Hochschule und Syndicus der Grossen Berliner Pferde-Eisenbahn-
Actiengesellschäft in Berlin.
Durch den Unfallversicherungszwang, wie solchen die Gesetze vom 6. Juli 1884 und
28. Mai 1885 geschaffen haben, ist namentlich mit Rücksicht darauf, dass die Ver-
sicherung auf Gegenseitigkeit durch die Unternehmer der pflichtigen Betriebe zu erfolgen
hat*), welche zu dem Zwecke in Berufsgenossenschaften vereinigt werden, und die Privat-
versicherungsgesellschaften von der Versicherungsübernahme ausgeschlossen sind, den letzteren
ein nicht zu unterschätzender Theil ihrer bisherigen Thätigkeit entzogen worden. Unver-
kennbar muss dies einen einschneidenden Einfluss auf die Geschäftsthätigkeit der Privat-
versicherungsgesellschaften äussern, da sie einen Zweig ihrer bisherigen Versicherungen
verloren haben. Da die Verwaltungskosten und ihr Anlagekapital des beschränkteren
Geschäftsumfanges ungeachtet im Wesentlichen unverändert bleiben, so würden in natür-
licher Folge die Betriebsüberschüsse und damit der Reingewinn der Geschäftsinhaber sich
verringern müssen, wenn es nicht gelingt, den erlittenen Ausfall durch Mehrerträge aus
dem verbliebenen Versicherungsgeschäfte zu decken. In Erkenntniss dessen haben die
betroffenen Unfallsversicherungsgesellschaften — äusserem Vernehmen nach auf Grund
gemeinsamer Verständigung — sich dafür entschieden, die Prämie bei denjenigen Ver-
sicherungen, deren Uebernahme ihnen auch ferner belassen ist, zu erhöhen, um so aus
dem verbliebenen geringeren Geschäft annähernd denselben Gewinn zu erzielen, welchen
das frühere grössere Geschäft abgeworfen batte.
Dass solches lediglich auf Kosten der Versicherten geschieht, liegt auf der Hand.
Auch die Unternehmer von Strassen- und Localbahnen werden hierdurch in Mitleidenschaft
gezogen. Es haben, wie diesseits festgestellt ist, die Versicherungsgesellschaften aus-
nahmslos sich zur Fortsetzung der im abgelaufenen Jahre zu Ende gegangenen Versicherungs-
verträge nur unter Erhöhen der bisherigen Prämiensätze verstanden. Vereinzelt ist sogar
das Doppelte der bisherigen Sätze verlangt worden. Schwächere Strassenbalm - Unter-
nehmungen haben auf derarte Mehrforderungen eingehen müssen, weil anderen Falls sie
ihre Gesellschaft der Gefahr ausgesetzt hätten, in einem besonders ungünstigen und unfalls-
reichen Jahre die Dividendenvertheilung empfindlich zu berühren, wenn nämlich grosse
Haftpflichtsansprüche aus den Betriebsergebnissen des betreffenden Jahres allein zu
decken wären.
Bei dieser Sachlage kann es nicht Wunder nehmen, dass gelegentlich des Zusammen-
kommens der Vertreter von Strassenbahn-Unternehmungen Zwecks Gründung der Berufs-
genossenschaft der Wunsch angeregt wurde, gemeinsame Schritte zu thun, um eine Ueber-
vortheilung Seitens der Versicherungsgesellschaften bezüglich der Versicherung von Unfällen
der Fahrgäste und Strassenpassanten tliunliebst zu vereiteln.
Dass die Berufsgenossenschaften nicht berechtigt sind, ihren Geschäftsbetrieb auf die
Versicherung der Fahrgäste und Strassenpassanten gegen die Folgen von Betriebsunfällen
*) Gesetz vom 6. Juli 1884 § 9 und oben Seite 107, 123 dieses Jahrganges.
loading ...

DWork by UB Heidelberg
Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt   |    Imprint   |    Datenschutzerklärung   |    OAI   |    RSS   |    Twitter   |    seo-list