Zeitschrift für das gesamte Lokal- und Straßenbahnwesen — VIII. Jahrgang.1889

Page: 79
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STRASSENBAHNRECHTLICHE STREITFRAGEN.

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fehlenden Fahrscheine vereinnahmt war. Derselbe ist ziffermässig nicht zu unterschätzen-
In Deutschland wurden z. B. 1887*) in 63 Betrieben zusammen 13016487 Fahrten zurück-
gelegt. so dass, wenn auf jeder derselben selbst nur eine Fahrgeldhinterziehung zu 10 Pf.
gelungen wäre, damit 1301648.70 Mark Fahrgeld verloren gegangen sein würden, was
etwa 4,13 °/0 des Fahrgelderlöses ausmacht.
Unter so bewandten Umständen muss naturgemäss das Bestreben der Betriebsunter-
nehmer darauf gerichtet sein, derartigen Vorkommnissen tlninlichst vorzubeugen. Man glaubt
solches dadurch zu erreichen, dass während der Fahrten besondere Personen die "Wagen
besteigen, die Fahrscheine nach ihrer Gültigkeit für die fragliche Fahrt prüfen und die-
jenigen Fahrgäste zur Lösung eines Fahrscheines anlialten, welche zur Zeit der Prüfung
keinen oder nur einen ungültigen bezw. bereits abgefahrenen besitzen. Unverkennbar birgt
dieses Verfahren Belästigung für die Fahrgäste. Behufs seiner Durchführung haben sie
die gelösten Fahrscheine nicht blos aufzubewahren, sondern auch auszuhändigen bezw.
vorzulegen. Deshalb begegnet man einem gewissen Widerwillen. Die Fahrschein-Prüfung
wird vielfach für einen unberechtigten Eingriff in die Freiheit der Fahrgäste, für einen
unzulässigen Zwang zu Leistungen im einseitigen Interesse des Betriebsunternehmers
erachtet. Mau verlangt ab und zu ihre Abstellung, weil der einseitige Vortheil des Unter-
nehmers gegen die allgemeine Bequemlichkeit zurückstehen müsse. In Folge dessen sind
vielfach die vormals bestandenen strengen Einrichtungen fallen gelassen und ist eine regel-
mässige Controlle des einzelnen Wagens durch eine fliegende ersetzt worden, von welcher
nur eine geringe Wagenzahl betroffen wird. Von jeder Controlle abzustehen hat man sich
indess bisher nirgends entschlossen.
Seitens der Fahrgäste wird umgekehrt vereinzelt versucht, den Nutzen einer Prüfung
zu vereiteln, indem sie die Fahrscheinvorlegung verweigern oder blos in einer Form ge-
währen, welche ihren Zweck vereitelt, dass sie z. B. die Nummern oder Merkmale, von
deren Vorhandensein die Erkennbarkeit der Giltigkeit oder Ungiltigkeit der Fahrscheine
für die betreffende Fahrt abhängt, durch Abreissen bezw. Abbrennen vernichten. Ohne
näher auf die Frage der Nützlichkeit oder Entbehrlichkeit einer Fahrschein-Prüfung während
der Fahrt, der Vorzüge einer fliegenden vor der regelmässigen Nachprüfung, sowie darauf
eingehen zu wollen, ob die Fahrschein-Prüfung, wie vielfach behauptet wird, nicht vielleicht
sogar mehr kostet als die Fahrgeldhinterziehung in ihrer Höchstgrenze muthmaasslich be-
tragen würde, soll vorliegend blos die ltechtsfrage erörtert werden, ob der Betriebsunter-
nehmer zur Einrichtung einer Nachprüfung und zu dem Verlangen berechtigt ist, dass die
Fahrgäste die gelösten Fahrscheine aufbewahren und vorzeigen, widrigenfalls sie das liecht
auf ihre Weiterbeförderung verwirken.
Dieselbe ist bereits wiederholt Gegenstand gerichtlicher Entscheidung gewesen.**) In
Berlin wurde z. B. ein Fahrgast, welcher den Fahrschein nicht vorlegte, zum Verlassen
des Wagens aufgefordert. Um die Weiterfahrt zu erlangen, löste er einen neuen Fahrschein
gegen nochmalige Zahlung. Demnächst klagte er auf llückgabe des Fahrgeldes, wurde
indess in beiden Instanzen abgewiesen. In der Urteilsbegründung wurde sein Hecht auf
Weiterbeförderung in Folge der ersteren Fahrgelderzahlung dadurch verwirkt erklärt, dass
er sich zum Vorlegen des Fahrscheines ausser Staude gesetzt habe, weshalb die zweite
Zahlung als Gegenleistung des neuen Beförderungsvertrages, mithin aus einem selbststän-
*) Br. Hilse: Haftpflicht der Strassenbahnen (Berlin 1889p § 1, S. G.
**) K. Hilse: Verstadtlichung der Strassenbahnen (Wiesbaden 1889), § 14, S. 40, Anm. 3, 4.
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