Wieser, Franz von [Editor]
Die Weltkarte des Albertin de Virga aus dem Anfange des XV. Jahrhunderts in der Sammlung Figdor in Wien — Innsbruck, 1912

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kreisrunden oder ovalen Seen oder auch aus Gebirgen. Die Zeichnung des Flussnetzes verrät
eine selbst für jene Zeit auffallend laienhafte Auffassung. Neben den auch sonst auf alten
Karten häufig vorkommenden Bifurcationen begegnen hier mehrfach eigentliche Flusskreuzungen.
Charakteristisch sind die Signaturen für die grösseren Reiche. Sie stellen meist Kronen dar,
in einzelnen Fällen auch Paläste oder Burgen wie z. B. Catajo oder Borgar tartarorum;
nördlich von letzterem ist ein befestigtes Lager mit Wall und Graben, über welchen Brücken
führen, eingezeichnet. Die Länder- und Städte-Namen sind in ausgesparte, viereckige Schildchen
eingeschrieben, die sich bei den Kronen unmittelbar an diese anschliessen. Die Namen sind
teils rot, teils schwarz und zwar die Ländernamen meist rot, die Ortsnamen meist schwarz.
Die Schrift ist eine kleine, zum Teil schwer zu entziffernde Kursive.

Die Orientierung der Karte lässt sich nicht ganz sicher angeben. Die topographischen
Namen bieten keinen Anhaltspunkt, da sie ganz regellos nach den verschiedensten Richtungen ein-
geschrieben sind. Die Stellung des Aderlassmännchens, das nach Osten schaut, scheint allerdings
auf eine Orientierung mit dem Süden nach oben hinzuweisen, aber dagegen spricht die Stellung
der Buchstaben, Ziffern und Legenden der astronomischen Tafeln. Für die bei den mittel-
alterlichen Weltkarten gebräuchlichste Orientirung mit dem Osten nach oben spricht höchstens
die Stellung der den Namen des Kartenzeichners und das Datum enthaltenden Inschrift.
Die Karte war ursprünglich mit dem unteren Rande an einem Rundstabe befestigt, über
den sie gerollt werden konnte; ein durch den Halsteil gezogenes Band diente zum Verschnüren
der Rolle. Sowohl Stab als Band sind nicht mehr vorhanden, doch zeigt das Pergament die
zu ihrer Befestigung gemachten Löcher und Schnitte.
Gehen wir auf den Inhalt der Karte ein, so konstatieren wir vor allem mit Verwun-
derung die der Wirklichkeit angenäherte Gestalt von Afrika, weiter eine kontinentale Insel im
Südosten von Asien, welche wie eine Vorahnung von Australien anmutet, endlich eine an
Grönland gemahnende Landmasse im Nordwesten von Europa. Im allgemeinen ist die Karte
ziemlich sorglos und flüchtig gezeichnet. Es handelte sich dem Verfasser offenbar weniger um
die Einzelheiten, als um die Gesamtwirkung. Trotzdem enthält die Karte zahlreiche interessante
topographische Details. Die Namen sind nicht selten mehr oder weniger entstellt, und manchmal
auch lokal verschoben.
Es drängt sich die Frage auf, welche Quellen und Vorbilder Albertin de Virga für die
Zeichnung seines Weltbildes benützt hat.
Naturgemäss kommen in erster Linie kartographische Vorbilder in Betracht. Buchquellen
sind nur sekundär herangezogen; einige derselben sollen weiter unten nachgewiesen werden.
Die benützten Karten waren, wie man aus der Zeichnung und aus den Legenden deutlich
erkennen kann, teils Weltkarten, teils Portulan-Karten. Die Karte des Albertin de Virga ist
ein Mittelding zwischen mittelalterlicher Weltkarte und Portulan-Karte, ähnlich wie schon die
des Sanudo-Vesconte; der Einfluss der Portulan-Karten war aber überwiegend.
Auf die Benützung von Portulan-Karten deutet schon die Windrose, noch sicherer aber
ergibt sich eine solche aus der Zeichnung der Festländer und Inseln mit den für die Portulan-
Karten so charakteristischen, eigentümlich gezackten Uferlinien. Weiter kann die detaillierte und
auffallend richtige Darstellung des ganzen Mittelmeergebietes und der atlantischen Gestade von
Europa und Nordwestafrika nur aus einer Portulan-Karte entnommen sein. Ebenso sind zweifellos
die atlantischen Inseln Azoren und Canaren aus einer Seekarte kopiert. Nach der Zeichnung,
Gruppierung und Benennung dieser Inseln stehen der Karte des Albertin de Virga am nächsten
die beiden Karten des G ugli emo Sol eri, die eine aus dem Jahre 1385 die andere undatiert,
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