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Strauss, Walter
Von eisernen Pferden und Pfaden: Lebensbilder aus dem Reiche der Lokomotive — Hannover, 1924

Page: [53]
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Doch wie die Poesie des „nacht’gen Waldreviers“
das verraten uns nur allzu wahr die Spottverse

der guten, alten Zeit in Wirklichkeit aussah,
Heinrich Heines aus dem Wintermärchen:

,,Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln; ich konnte mich erst
Zu Unna im Wirtshaus erwärmen.

Im nächtlichen Walde humpelt dahin
Die Chaise. Da kracht es plötzlich —
Ein Rad ging los; wir halten still,
Das ist nicht mehr ergötzlich.

Der Postillon steigt ab und eilt
Ins Dorf, und ich verweile
Um Mitternacht allein im Wald,
Ringsum ertönt Geheule.“

Und daß dies wirklich nicht übertrieben ist, beweist die Schilderung
Wilhelmine von Bayreuth, der Schwester Friedrichs des Großen:

der

Markgräfin

,,Die Wege waren abscheulich! Bei jedem Schritt waren wir in Gefahr umzuwerfen, und,
um das Unglück zu krönen, fing die Nacht an, ihren Mantel über uns auszubreiten. Wir hatten
zwar Fackeln mit uns, allein, in demselben Augenblick, wo wir in den Wald traten, verlöschten
sie, und die Finsternis vermehrte unsere Angst. Je weiter wir kamen, hörten wir um uns her
Pfiffe ertönen, die mich mit Furcht und Zittern erfüllten; der kalte Schweiß lief mir von der
Stirn, meine Damen waren nicht besser daran, und wir gingen leise flüsternd zu Rate, was wir
im Fall eines Angriffs tun sollten. In diesem Zustand blieben wir bis nachts zwei Uhr, wo wir
endlich glücklich in Gera ankamen. Wir waren alle halbtot, mir insbesondere hatte meine
heldenmütige Entschlossenheit das Blut so in Wallung gebracht, daß ich die ganze Nacht
sterbenskrank war.‘ ‘

Doch auch abgesehen von derartigen Zwischenfällen wie Beraubungen, Radbrüchen, Stecken-
bleiben in Morast und Schnee, war auch das Reisen unter den günstigsten Umständen mit dem
„Schwager Postillon“ gewiß kein Vergnügen. Man lese nur einmal in den „Jugenderinnerungen
eines alten Mannes“, des Malers Wilhelm von Kügelgen nach, wo dieser dem „höchst jammer-
vollen Kasten“ der Postkutsche, an anderer Stelle auch „ungeheure Maschine“ genannt, die

wenig

»einladende“ Beschreibung zuteil werden läßt:

„Der Wagen von unbeschreiblichen Proportionen hing altersschwach und lahm in seinen
Federn, die Schläge waren mit Bindfaden befestigt, und die hart eingetrockneten Fenster-
laden weder einzuknöpfen noch zurückzuschnallen.“

Und nun gar das Verladen des Gepäcks, der Kisten und Koffer mit Wäsche und den darüber
geschnallten Bettsachen und zu guter Letzt -—- der Menschen selbst, die sich vor lauter Ver-
packung oft nicht mehr umarmen konnten,
„denn wenigstens wir Kinder konnten die Arme nicht sehr rühren, da wir verpackt und
eingewickelt waren wie Cocons.“

Köstlich aber heißt es da weiter von des Malers getreuem Hausmädchen, der Rose:
„Sie hatte, um sich vor Kälte und ihre Siebensachen vor dein Verderben des Einpackens
zu schützen, alles auf den Leib gezogen, was sie an Wäsche und Kleidern besaß, und sah wie
das Heidelberger Faß aus. Der Kutscher hatte jeden Finsteigenden im Geiste gewogen und zu
schwer befunden. Als er aber dieses Ungeheuers von Mädchen ansichtig wurde, tat er einen
schauderhaften Fluch und schwur, ihn solle dieser oder jener holen, wenn er sie in den Wagen
ließe.
So möge er sich denn hinpacken, wo er hergekommen wäre, schrie ihn der Vater an, ließ
wieder abladen, und dieser erste Anlauf war gescheitert.“
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